Kritik: …UND SIE KEHRTEN NIEMALS WIEDER

…Und sie kehrten niemals wieder –
wenn Bayern einen Western drehen

00 00 00

Der klassische Western gilt als das amerikanischste aller Filmgenres,
in dessen Mittelpunkt der Mythos der Eroberung des (wilden) Westens
der Vereinigten Staaten im neunzehnten Jahrhundert steht. Wesentliche
Merkmale sind Handlungsort und Zeit: der westliche Teil des
nordamerikanischen Kontinents während seiner Besiedlung durch die von
Osten kommenden Siedler. In seinen handelnden Figuren, erzählenden
Elementen, Orten und Stilmitteln ist der Western stark festgelegt. Im
Mittelpunkt stehen meist der gute und wehrhafte Cowboy oder ein
Sheriff und sein Konterpart, der skrupellose Bösewicht. Das Fort oder
die kleine Stadt, der Saloon mit Whiskey und Kartenspiel, Pferde,
Postkutschen, die weite Landschaft sowie das Indianerdorf und der
finale Showdown sind typische Orte und Versatzstücke der Handlung von
Klassikern wie RED RIVER, HIGH NOON – 12 UHR MITTAGS, DER SCHWARZE
FALKE, RIO BRAVO, DAS WAR DER WILDE WESTEN, ALAMO oder EL DORADO. JOHN
„THE DUDE“ WAYNE trat während seiner 50-jährigen Karriere
kontinuierlich als Hauptdarsteller in Western in Erscheinung und
prägte in der Rolle des raubeinigen Cowboys, Sheriffs, Marshalls (für
den gleichnamigen Western erhielt er übrigens den ersten und einzigen
Oscar seiner Laufbahn) oder US-Kavalleriekommandeurs in entscheidender
Weise das Bild dieses Filmgenres.
Der Erfolg der hierzulande in den Kinos aufgeführten Western brachte
den deutschen Produzenten HORST WENDLANDT auf die Idee, mit den
legendären KARL MAY-Verfilmungen die europäische Variante des Genre,
den sogenannten Euro-Western, zu begründen. Die Verfilmungen um die
Abenteuer des Apatschen-Häuptlings Winnetou (PIERRE BRICE) und seines
weißen Blutsbruders Old Shatterhand (LEX BARKER) waren Kassenschlager
und stürzten die Fans 1965 in tiefste Bestürzung, als MARIO ADORF ihr
Leinwand-Idol in WINNETOU III erschoss und dieser in den Armen Old
Shatterhands verstarb. Außerhalb der beliebten KARL MAY-Filme gab es
mit DER LETZTE RITT NACH SANTA CRUZ (1963) und HEISS WEHT DER WIND
(1964)weitere Genre-Vertreter, für die ROLF OLSEN verantwortlich
zeichnete, bevor er Jahre später St. Pauli unsicher machen sollte
(siehe dazu unseren Rotlicht-Report auf den Seiten 47-49). Im selben
Jahr waren es die Italiener, die unter deutscher Beteiligung mit
SERGIO LEONE auf dem Regiestuhl und einem damals noch recht
unbekannten CLINT EASTWOOD auf dem Ross, mit FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR
den sogenannten Spaghetti/Italowestern ins Rennen um die Gunst der
Zuschauer schickten. Zuweilen rauer, brutaler und auch zynischer
überschwemmten die Italiener den Markt mit prägenden und stilbildenden
Klassikern wie KOPFGELD: 1 DOLLAR (mit BURT REYNOLDS) DJANGO (mit
FRANCO NERO) oder LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG (mit KLAUS KINSKI und
JEAN-LOUIS TRINTIGNANT), die alle drei von SERGIO CORBUCCI inszeniert
wurden. SERGIO LEONE drehte mit dem unerreichten SPIEL MIR DAS LIED
VOM TOD einen Meilenstein und den Beginn des Abgesangs auf das Genre.
Ein Trend, dem die Amerikaner folgten und mit Werken wie THE WILD
BUNCH den Spätwestern einläuteten. Der technisierte Fortschritt hatte
Einzug in die Prärie gehalten und die Helden waren müde geworden. Mit
einem grandios inszenierten Slow Motion-Todesballett führte SAM
PECKINPAH in blutigen Bildern den klassischen Western zu Grabe. Was
folgte waren Komödien und Parodien auf das Genre wie AUCH EIN SHERIFF
BRAUCHT MAL HILFE – eine Idee, die die Italiener für sich nutzen und
zunehmend ihren Italowestern parodierten. MEIN NAME IST NOBODY mit
TERENCE HILL und Genre-Star HENRY FONDA (SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD,
DIE FÜNF VOGELFREIEN) zählt dabei zu den gelungensten Beispielen,
während diverse Filme des Duos BUD SPENCER/TERENCE HILL wie VIER
FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA oder DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES
TEUFELS mehr klamaukig als geistreich waren, sich aber zu
Kassenschlagern und Kultfilmen entwickelten.
Das totgeglaubte Genre erhob sich immer wieder aus dem Staub und
förderte mit PALE RIDER – DER NAMENLOSE REITER oder ERBARMUNGSLOS von
und mit CLINT EASTWOOD sowie mit DER MIT DEM WOLF TANZT, SILVERADO,
TOMBSTONE oder SCHNELLER ALS DER TOD mehr oder weniger erfolgreiche
Western zu Tage. Mit QUENTIN TARANTINOs DJANGO UNCHAINED fand der
Western letztmals einen Höhepunkt, den der begnadete Regisseur mit THE
HATEFUL EIGHT versucht fortzusetzen.

Was liegt da näher, dass auch die BRANDLs den Pferden die Sattel
aufziehen und mit …UND SIE KEHRTEN NIEMALS WIEDER eine Hommage an
den Western inszenieren, der zudem an Originalschauplätzen wie dem
berühmten Torbogen gedreht wurde, der in SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD
eine Rolle in einer der Schlüsselszenen des Films spielte?!?
Gleich in den ersten Minuten, in denen mehrere parallel verlaufende
Sequenzen hervorragend miteinander montiert und mit genretypisch
musikalischen Westernklängen untermalt wurden, wird deutlich, mit
welcher Sorgfalt sich die BRANDLs auch diesem Genre nähern und mit
verhältnismäßig sehr hohem finanziellen Aufwand einen Genre-Beitrag
abliefern, der weit über das Niveau sonstiger Amateur- und
Independent-Produktionen hinausgeht. Kurz darauf fallen in der kleinen
Westernstadt nach Ankunft der Postkutsche zwei Schüsse…sauber in den
Hinterkopf getroffen, bricht ein ehemaliger Sklave mit politischen
Ambitionen tot zusammen. Eine Massenpanik entsteht, die eindrucksvoll
und authentisch in Szene gesetzt wurde.
Und auch im weiteren Verlauf des Films sieht man, wie effizient das
10.000 Euro-Budget investiert wurde: neben den aufwändigen Drehs im
spanischen Andalusien wurde während der zweieinhalbjährigen
Produktionsphase auch in den deutschen Westernstädten „Pullman City“
und „Schloss Thurn“ gedreht. Das garantiert eine stimmungsvolle
Atmosphäre für ein Projekt dieses Kalibers. Und so wurde alles
aufgefahren um ein möglichst realistisches Wildwest-Szenario auf die
Leinwand zu bringen:  Antike Schusswaffen, eine stilsichere
Kleiderordnung, die obligatorische Postkutsche und die Dampfeisenbahn
als Zeichen des Einzug haltenden technischen Fortschritts im wilden
Westen. Dazu ein an US- und auch an Italowestern erinnernder Score von
MARKUS PITZER, Settings und Kulissen mit Liebe zum Detail sowie
spektakuläre Schießduelle mit blutigen Shoot Outs und einem packenden
Showdown unter sengender Sonne. Und mittendrin die altbekannten
Haudegen aus unzähligen BRANDL-Produktionen, allen voran GÜNTER BRANDL
und seine Geschwister MONIKA und HELMUT sowie PETER EHERER, THOMAS
BINDER und THOMAS PILL, die mit ihren aufgeklebten Bärten und
Koteletten sowie dem unamerikanischen Akzent bajuwarischen Charme in
die Prärie bringen. Es sind diese amüsanten Kleinigkeiten, die auch
den Charme und das gewisse Etwas dieser Produktion ausmachen, die
neben den Amateurdarstellern auch mit profilierten Schauspielern
aufwartet: CAROLINA RATH oder VLASTO PEYITCH (beide bekannt aus DEEP
IN MY MIND) oder SIEGFRIED FOSTER (THE SEEDS OF DISCORD, ZOMBIES FROM
OUTER SPACE, MAX MUSTERMANN – siehe dazu die Besprechungen in DEAD
ENDS Nr.1) sind neben GÜNTER BRANDL die tragenden Figuren der
komplexen Geschichte, die in drei voneinander unabhängigen
Handlungssträngen erzählt wird:
Eine Kopfgeldjägerin (angelehnt an SHARON STONE in SCHNELLER ALS DER
TOD), die eiskalt ihren Job erledigt und ihre Familie rächen will; ein
geheimnisvoller, namenloser Fremder auf der Suche nach seiner
Identität und ein todkranker Geschäftsmann, dessen Ziel es ist, eine
geplante Eisenbahnstrecke fertigzustellen. Dies sind die Eckpfeiler
des Handlungsgerüsts, in dessen Zentrum das politische Attentat steht,
das den Film einleitet und von da an auf verschiedenen Zeitebenen
erzählt. Das mag vom Erzählstil untypich sein, bringt aber frischen
Wind in die staubige Szenerie. Dabei sind die Referenzen an SPIEL MIR
DAS LIED VOM TOD, LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG oder BLUTIGES BLEI
nicht von der Hand zu weisen.
Trotz zahlreicher actionreicher Momente ist der Film sehr dialoglastig
und konzentriert sich, wie bei den BRANDLs üblich, auf eine
sorgfältige und tiefergehende Ausarbeitung der Charaktere. Die
Geschichte mit ihren weitverzweigten Handlungssträngen steht dabei
ganz klar im Vordergrund und konfrontiert den Zuschauer mehr als
einmal mit den Tragödien und Dramen, die sich hinter den erzählten
Geschichten verbergen. Mit über zweieinhalb Stunden Spielzeit nimmt
…UND SIE KEHRTEN NIEMALS WIEDER epische Ausmaße an und ist somit das
bisher längste Werk der leidenschaftlichen Filmemacher. Dabei ist vor
allem erstaunlich, dass der sorgfältig inszenierte Film zu keiner Zeit
Längen aufweist. Im Gegenteil: er ist interessant und es macht
ungeheuer viel Spaß zu sehen, wie die BRANDLs mit ihren beschränkten
Mitteln konsequent ihr Ding durchziehen und eigene Kindheitsträume auf
einem grundsoliden Niveau Wirklichkeit werden lassen.

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *