Kritik: TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT

„Tote Zeugen singen nicht“, auch bekannt als „Straße ins Jenseits“, zählt für viele Fans des italienischen Films zu einem der besten Beiträge des Poliziotti, jener Reihe von actionbetonten Polizeifilmen, die neben dem Giallo zu den erfolgreichsten und beliebtesten Subgenres gehörten.

0000

Der von Actionspezialist Enzo G. Castellari sorgfältig in Szene gesetzte Streifen unterscheidet sich nicht nur durch seine drei namhaften TOP-Stars Franco Nero („Django“, „Der Terror führt Regie“, „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“), Fernando Rey („French Connetion I + II“) und US-Schauspieler James Whitmore, sowie ihren superben darstellerischen Leistungen von Filmen wie Umberto Lenzis „Die Viper“ oder „Camorra – Ein Bulle räumt auf“. Maurizio Merli, als Commissario gern und oft gesehener Darsteller im Italo-Kino der 70er Jahre, räumt zwar genauso enthusiastisch und kämpferisch in der kriminellen Szene auf wie hier Franco Nero, reicht aber von seiner beschränkten Mimik her nicht ansatzweise an die schauspielerische Klasse des Ex-„Django“ heran.

0000 00000

Auch von der Qualität der Drehbücher und dem sauberen Inszenierungsstil Castellaris unterscheiden sich dessen Werke eminent von denen seines Regie-Kollegen Lenzi:
„Tote Zeugen singen nicht“,
 als auch der spätere „Racket“ mit Fabio Testi, sind die wahren Juwelen unter den unzähligen Schmuckstücken des italienischen Genre-Kinos. In ihrer Milieuschilderung, mitsamt der Einbindung von realen Begebenheiten wie Gewerkschaftsstreiks, der realistischen Darstellung der Polizeiarbeit bis hin zur Offenlegung krimineller Strukturen, sowie der Kritik an ein marodes Justizsystem, in dem Vetternwirtschaft, Filz und Korruption bis in die höchsten politischen Ämter reichen, bewegen sich Castellaris Werke auf ähnlich hohem Niveau wie Damiano Damianis anspruchsvolle Mafiakrimis.

0000 00000

In punkto Härte unterscheiden sich weder Castellari noch Lenzi voneinander, im Gegenteil: In stilvollen Zeitlupen-Sequenzen – praktisch als Referenz an Sam Peckinpah – zelebriert Castellari das Sterben auf den staubigen Straßen Genuas, untermalt von einem dynamischen, kraftvollen Score der Brüder Guido und Maurizio de Angelis, ohne dabei jedoch selbstzweckhaft zu wirken:
Die Szenen, in denen Menschen von Kugeln zersiebt oder ein junges Mädchen von einem Auto kaltblütig über den Haufen gefahren werden, spiegeln nichts weiter wieder als den harten, realistischen Alltag.
Die Zeiten des Ehrenkodex bei den Mafia-Syndikaten ist vorbei, längst wird bei der „ehrenwerten Gesellschaft“ genauso brutal und skrupellos gemordet und gestorben wie heutzutage bei den Drogenkartellen in Mexiko oder Kolumbien.
Die Unternehmungen der Mafia haben sich zu einem weitverzweigten, europaweiten Geschäftsimperium entwickelt, bei dem die alten Gesetze schon lange nichts mehr gelten.
Und nichts anderes wird in all seiner schonungslosen Härte als das Spiegelbild der damaligen Gesellschaft von Regisseur Castellari in „Tote Zeugen singen nicht“ angeprangert. 

0000 00000

Zwischen den actionlastigen Momenten geht es Castellari in einigen Szenen etwas ruhiger an, in denen Franco Nero als Commissario Belli mit seiner Tochter spielt, nur um wenige Augenblicke später – eingeholt von der traurigen Realität – um seine Tochter zu trauern.
Die minutenlange, hitzige Diskussion zwischen ihm und seinem Vorgesetzen Scavini, bei der es um Aufrichtigkeit, Loyalität und Ehre geht, um den Mut, für etwas, für das man kämpft, auch einzustehen, zählt zweifellos zu den besten Momenten des gesamten Films – und auch diese Szene führt wenige Augenblicke später zu Ernüchterung und Ohnmacht angesichts der brutalen Ermordung Scavinis.
Scavini, der über Jahre hinweg gegen die Hintermänner der Organistion Beweise gesammelt, diese aber aus Angst nie einem Staatsanwalt vorgelegt hatte, fasst nach dem Gespräch mit Belli den Entschluss, sich dem mächtigen Gegner zu stellen und bezahlt dies mit seinem Leben.

00000

Castellari schafft  wie kein anderer in dem Genre den Spaghat zwischen reisserischem Actionfilm und dem Anspruch, nicht nur zu unterhalten, sondern auch wachzurütteln und anzuklagen.
Nicht jeder seiner Filme trifft dabei so den Nerv des Publikums und erreicht dabei diesen hohen Anspruch – „Dealer Connection“ mit Fabio Testi und David Hemmings ist ein Beispiel dafür. „Tote Zeugen singen nicht“ ist jedoch mit Abstand einer seiner besten Filme, nicht zuletzt auch wegen der schauspielerischen Leistungen, mit denen den Hauptfiguren Charisma und Glaubwürdigkeit verliehen wird.

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *