Kritik: SM-RICHTER

Im Belgien der 90er Jahre macht sich Richter Koen mit unkonventioneller Verhandlungsführung nicht nur Freunde, genießt allgemein aber einen hohen Ruf. Privat droht sich Ehefrau Magda nach 15 Jahren Ehe dem Gatten zunehmend zu entfremden. Nach einem heftigen Nervenzusammenbruch und einer diagnostizierten, schweren Depression, offenbart sie ihrem Mann ihre sexuellen Fantasien und dem Wunsch nach Unterwerfung. Das Paar besucht ein SM-Studio und beginnt eine sexuelle Entdeckungsreise, die Magdas Schmerzempfinden bis an die Grenzen auslotet und die alte Liebe zwischen beiden wieder aufblühen lässt. Als im Zusammenhang mit polizeilichen Ermittlungen gegen einen Zuhälter das Privatleben des Ehepaares an die Öffentlichkeit gelangt, ermittelt der Staatsanwalt auch gegen den Richter. Die Familie gerät nicht nur in den Mittelpunkt einer öffentlichen Debatte über Privatsphäre und Justiz, der Richter wird darüber hinaus wegen Zuhälterei und Misshandlung gegen seine Frau angeklagt und verurteilt.

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Das vielfach preisgekrönte Drama basiert auf dem wahren Fall des belgischen Richters Koen A., der 1997 auf Grund der Veröffentlichung eines privaten Videos wegen Körperverletzung und Zuhälterei verurteilt wurde, obwohl seine Frau bezeugte, dass die sadomasochistischen Praktiken auf ihren Wunsch hin stattfanden.

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Autor und Regisseur Erik Lamens skizziert die Ereignisse über einen mehrere Jahre spielenden Zeitraum und entwirft mit einem hervorragenden Ensemble einen vielschichtigen Film, der den unerfahrenen Richter, genauso wie den Zuschauer, behutsam in die Welt des BDSM einführt. Nicht ohne Humor, der dabei aber nicht plakativ wirkt, und mit viel Einfühlungsvermögen widmet sich der Film der umstrittenen Thematik, verweilt in den szenetypischen SM-Clubs und gibt, gemessen an heutigen Mainstream-Maßstäben, tiefe und explizite Einblicke in eine Szene, ihre Mitglieder und sexuellen Rituale.

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Koen entwickelt sich aus Liebe zu seiner Frau und um seine Ehe zu retten, unter der strengen Aufsicht eines Doms zu einem routinierten Meister, der gekonnt seine geliebte Frau an die Grenzen der schmerzhaften Lust führt – ein Verlangen, dass sie 30 Jahre lang unterdrücken musste. Für Magda ist es ein Lebensgefühl, sich von ihrem Mann unterwerfen zu lassen und den Schmerz zu genießen – vor allem, weil es Teil ihrer eigenen Identität ist, die sie jahrelang verborgen hatte – aus Angst, ihren Mann zu verlieren.

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Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben oder die gewagten SM-Sessions reißerisch oder spekulativ in Szene zu setzen, schafft es Lamers, einfühlsam in eine Welt der Erotik einzutauchen, die nicht jedermanns Empfindungen widerspiegelt. Dabei bringt er gekonnt zum Ausdruck, dass es keine pervertierten Freaks sind, die diese Form der Erotik ausleben, sondern ganz normale Menschen wie Du und Ich. Und so ist „SM-Richter“ nicht nur ein fesselndes Familien- und Erotikdrama, sondern ebenso ein Plädoyer für mehr Toleranz. Toleranz für eine Spielart der Liebe, die für viele Menschen befreiend ist und die unter dem Druck, diese nicht ausleben zu können, zu zerbrechen drohen.

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„SM-Richter“ ist intensiv gespielt, ausgezeichnet geschrieben und inszeniert. Der Film nimmt sich Zeit für eine ausführliche Ausarbeitung der wichtigsten Charaktere. Die Inszenierung einzelner SM-Sessions oder der Sexszenen erscheinen niemals selbstzweckhaft, sondern sind stimmig in den Kontext der Handlung eingebaut. Insgesamt ein anspruchsvoller Film und gleichzeitig die intensive Aufarbeitung eines wahren Falls, bei dem nicht die sexuellen Bedürfnisse des Ehepaares den eigentlichen Skandal darstellen, sondern vielmehr die von Vorurteilen, Unwissenheit und Unverständnis geprägte Hexenjagd im 20. Jahrhundert einer aufgeklärten Gesellschaft.

8/10

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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