Kritik: SERIEN-SPECIAL SHERLOCK

Sherlock Holmes ist eine vom britischen Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle geschaffene Kunstfigur, die in seinen zur Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielenden Romanen als Detektiv tätig ist. Besondere Bedeutung für die Kriminalliteratur erlangte Holmes durch seine neuartige forensische Arbeitsmethode, die ausschließlich auf detailgenauer Beobachtung und nüchterner Schlussfolgerung beruht. Er gilt bis heute weithin als Symbol des erfolgreichen analytischrationalen Denkens und als Stereotyp des Privatdetektivs. Sherlock Holmes arbeitet als „beratender Detektiv“ (im Original: „consulting detective“), das heißt, er beschäftigt sich mit Mysterien, die von Privatklienten an ihn herangetragen werden. Holmes sieht sich damit als Ergänzung oder Alternative zum police detective (dt.: Kriminalpolizist). Mitunter bittet auch die staatliche Polizei (z. B. in Gestalt des Inspektors Lestrade von Scotland Yard) um Holmes’ Unterstützung. Der Detektiv kommt dabei stets durch ungewöhnliche Schlussfolgerungen und innovative Deduktionen zum richtigen Täterprofil und Motiv und widerlegt damit meist die Ermittlungsergebnisse der Polizei. Manchmal wird Holmes durch Watsons Neuigkeiten aus der Londoner Gesellschaft oder die Zeitungslektüre selbst auf für ihn interessante Geschehnisse aufmerksam und nimmt, ohne Auftrag, die Ermittlung auf oder mischt sich in die Arbeit der Polizei ein. Als „letzte Instanz“ greift er häufig in dem Moment ein, wenn anderen die Klärung der Situation geradezu unmöglich erscheint. Die Aufklärungsarbeit des Detektivs steht somit im Mittelpunkt der Geschichten.

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Die Figur des SHERLOCK HOLMES zählt sicherlich zu den meistverfilmten Romanfiguren der Filmgeschichte und wurde bereits von zahlreichen mehr oder weniger bekannten Darstellern in mehr oder weniger gelungenen Adaptionen dargestellt – unter anderem von BASIL RATHBONE, PETER CUSHING, CHRISTOPHER LEE, CHRISTOPHER PLUMMER, JOHN NEVILLE oder ROGER MOORE. Sogar die beiden deutschen Schauspieler HANS ALBERS und HEINZ RÜHMANN agierten als SHERLOCK HOLMES und DR. WATSON. Die wohl am meisten verfilmte Geschichte dürfte dabei wohl die um den HUND DER BASKERVILLES sein, die auch für das britische Fernsehen inszeniert wurde. In mehreren TV-Filmen verliehen mehrere Darsteller dem genialen Kombinationsgenie ihre Konturen, darunter IAN RICHARDSON (eben in jener Verfilmung unter der Regie von DOUGLAS HICKOX (THEATER DES GRAUENS, BRANNIGAN – EIN MANN AUS STAHL), MATT FREWER (ebenfalls in einer BASKERVILLE-Adaption in einer kanadischen Produktion), RUPERT EVERETT (DIE HOCHZEIT MEINES BESTEN FREUNDES, hier in DER SEIDENSTRUMPFMÖRDER) sowie JEREMY BRETT in einer mehrere britische Fernsehfilme umfassenden Reihe – auch hier wurde der BASKERVILLE-Stoff aufgegriffen. Interessant ist auch, dass noch vor der 1939er-BASKERVILLE-Verfilmung mit BASIL RATHBONE (FRANKENSTEIN) bereits zwei Jahre zuvor die deutsche Verfilmung DER HUND VON BASKERVILLE in den Kinos aufgeführt wurde.

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Viele TV-Detektive der Neuzeit wie COLUMBO (PETER FALK), MONK (TONY SHALHOUB) oder THE MENTALIST (SIMON BAKER) orientier(t)en sich hinsichtlich ihrer Kombinationsgabe an CONAN DOYLES beliebter Romanfigur – und in der Tat sind es die besonderen Fähigkeiten, die das Vergnügen solcher Serien auszeichnen und ihre Beliebtheit ausmachen. Warum also nicht die Charaktereigenschaften und die Fähigkeiten dieses Detektivs in einer neuen TV-Serie aufleben lassen? Das dachte sich nicht nur der Erfinder der Serie ELEMENTARY, ROBERT DOHERTY, der JOHNNY LEE MILLER als SHERLOCK HOLMES neben LUCY LIU als weiblicher DR. WATSON knifflige Fälle in New York lösen lässt, sondern auch STEVEN MOFFAT und MARK GATISS, die SHERLOCK bereits 2010 für BBC entwarfen. In beiden Serienformaten wurde die Handlung der klassischen Kriminalfälle in die Gegenwart verlegt, was den Reiz beider Serien-Formate ausmacht – wobei das moderne London eine noch unverbrauchte und demnach die bessere Kulisse für die Fälle hergibt, die mit unorthodoxen Ermittlungsmethoden geklärt werden.

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Nach der erfolgreichen TV-Ausstrahlung in der ARD wurden bislang insgesamt vier DVD/BR-Boxen mit den drei bisher gesendeten Staffeln von POLYBAND veröffentlicht: Die Staffeln 1 – 3 jeweils einzeln und die Staffeln 1 und 2 im Doppelpack – jeweils im Schuber und mit einem sehr ausführlichen und detaillierten Booklet mit allen wichtigen und interessanten Fakten zur Serie. Und im Vergleich zum US-Pendant, sowohl hinsichtlich der Serie als auch der beiden HOLMES-Verfilmungen von GUY RITCHIE, ist das BBC-Format SHERLOCK mit Abstand die bessere Alternative. Der blasse und hagere BENEDICT CUMBERBATCH mag auf dem ersten Blick unscheinbar und gewöhnungsbedürftig wirken, doch im nachhinein ist er für die Rolle die beste Wahl gewesen und kommt mit seiner Statur und dem kantigen Gesicht mit den hohen Wangenknochen der Physiognomie der Romanfigur noch am nächsten und gewinnt sehr schnell die Sympathien der Zuschauer – auch wenn die Figur HOLMES anfangs eher wie ein Verschnitt von DR. HOUSE wirkt. Was jedoch diesen Charakter ausmacht, ist die Wandlungsfähigkeit vom kühlen und distanzierten Genie und Einzelgänger hin zum, von seiner Arbeit zwar immer noch besessenen Fakten-Neurotiker, der aber gelernt hat, Gefühle zu zeigen und Freundschaften einzugehen. Und trotzdem ist und bleibt er, wie er sich selbst beschreibt, ein gut funktionierender Soziopath, der es in den drei Staffeln mit gewieften und ebenbürtigen Gegnern zu tun bekommt.

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SHERLOCK HOLMES ist also vom 19. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert befördert worden – mit all seinen skurrilen Eigenschaften und hervorragenden geistigen Fähigkeiten. Internet, Handys und der ganze technische Fortschritt wurden gleich mit übernommen, ebenso wie sein Erzfeind Moriarty, mit dem er es besonders in der ersten und in der zweiten Staffel zu tun bekommt. Genauso wie bei seinem britischen Kollegen aus dem Dunstkreis des Geheimdienstes Ihrer Majestät der Königin, JAMES BOND, haben sich auch hier die Feindbilder geändert. SHERLOCK HOLMES hat es hier und da zwar immer noch mit Serienkillern, Geheimbünden und Verbrechersyndikaten zu tun – doch ist das Verbrechen viel globaler geworden. Das zeigt sich vor allem an Gegenspieler Moriarty, der sein teuflisches Genie benutzt, um seine kriminellen Dienste Terrorzellen, ausländischen Regierungen und Verbrechenorganisationen anzubieten. Mit der Globalisierung und den technischen Möglichkeiten nimmt natürlich auch das erzählerische Tempo zu. Die einzelnen Folgen sind inszenatorisch auf höchstem Niveau – wer glaubt, dass eine jahrhundertealte Romanfigur bieder und gemächlich in Szene gesetzt wurde, irrt gewaltig. Jede, der in sich abgeschlossenen Folgen in Spielfilmlänge, ist tempo- und actionreich umgesetzt, mit sehr viel Humor und auch dem Mut, den Romanfiguren mit einem gewissen Augenzwinkern entgegenzutreten. Die Männerfreundschaft wird von Außenstehenden, als auch von der herrlichen Mrs. Hudson, als Homo-Liebelei verstanden, während eines von Holmes prägendsten Merkmalen, die Deerstalker-Mütze, zum gelungenen Running-Gag wird, wobei Holmes diesem Utensil nicht viel abgewinnen kann.

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Es ist aber nicht nur, dass die Figuren einfach in die Gegenwart versetzt wurden und die Brisanz der Fälle dieser Zeitreise angepasst wurden, sondern dass auch die Figuren selbst modernisiert wurden. Während Holmes, dessen Bruder Mycroft und Inspector Lestrade gemäß der Charakterisierung und Eigenschaften ihren Romanfiguren weitestgehend treu geblieben sind, wurden die Rollen von Dr. Watson und vor allem von Mrs. Hudson, zum einen für den ernsten Unterton und zum anderen für humorvolle Brechungen, etwas umgestaltet. Dr. Watson ist zwar noch immer Mediziner, doch war er bis zu einer Verletzung Militärarzt bei einem Afghanistan-Einsatz, von dem er noch immer gekennzeichnet und von den dort erlebten Schrecken traumatisiert ist. Die gute Seele des Hauses, Mrs. Hudson, hat von allen Beteiligten wohl am meisten auf dem Kerbholz – wenn auch unschuldig. Sie war mit einem Kartellboss und zweifachen Mörder verheiratet, der ein Drogenimperium leitete, und letzten Endes wegen der begangenen Morde zum Tode verurteilt wurde. Bis dass der Tod sie von ihrem Mann schied, lebte sie in den Vereinigten Staaten. Ihr gehört das Anwesen in der Baker Street 221 b. Wenn sie sich nicht gerade um Holmes Sorgen macht, frönt sie ihrem geheimen Verhältnis zu einem im Nebenhaus ansässigen Händler, ohne zu wissen, was nur Holmes weiß – dass er ein Bigamist ist. Das sind dann die liebevollen Anekdoten und humorvollen Spitzen, die die spannenden Fälle stets etwas auflockern. Doch Obacht: um bei den teilweise verschachtelten Fällen durchblicken zu können, empfiehlt es sich, die Serie in chronologischer und kompletter Reihenfolge anzuschauen. Auch wenn die Fälle abgeschlossen sind, so nehmen immer wieder spätere Folgen Verweise zu Geschehnissen aus vorherigen Staffeln auf, vor allem weil Gegenspieler Moriarty über zwei Staffeln lang Holmes Kopfschmerzen bereitet.

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Die erste Staffel beschäftigt sich zwar unter anderem mit einem Serienkiller und einem mächtigen Verbrechersyndikat, wobei Moriarty immer wieder als Nebenfigur auftaucht, sich als Mastermind einer perfiden Intrige aber noch nicht zu erkennen gibt, die erst in der zweiten Staffel ihren Höhepunkt findet – trotzdem ist bei allem Tempo und inszenatorischer Raffinessen das Handlungsgerüst zu überbeladen. Der Unterhaltungswert ist durchaus vorhanden, doch so richtig entfaltet sich das harmonische Spiel zwischen Holmes und Watson erst ab der zweiten Staffel. Dort wird das Erzähltempo nochmals deutlich angezogen – ebenso aber auch der Anteil an humorvollen Brechungen mit Roman-Traditionen und die immer fortwährende Entwicklung beider Hauptcharaktere, die sich nach anfänglichen Startschwierigkeiten zu einem perfekten Team und zu besten Freunden formen. Das sind die Stärken von SHERLOCK, der zwar noch immer Krimi ist, aber geistreiche Komödie und feine Charakterstudie noch dazu. Dabei wird vor allem auch bei den Drehbüchern größter Wert darauf gelegt, dass auch handlungstechnisch immer noch Bezüge zu den Romanen erhalten bleiben, wenn auch Episoden wie DIE HUNDE VON BASKERVILLE, DER REICHENBACHFALL oder DAS ZEICHEN DER DREI vom Handlungsverlauf in eine völlig andere Richtung gehen, als man es von den Romanen her kennt. Hier wird einmal mehr mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und den Kennern der Romane gespielt – was für die eine oder andere überraschende Entwicklung und Wendung innerhalb der Plots sorgt. Die vielen Variationen mit altbekannten Stoffen und Stilelementen ist ebenfalls ein sehr positives Merkmal der Serie, die von Staffel zu Staffel immer besser wird.

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In der dritten Staffel taucht mit LARS MIKKELSEN (KOMMISSARIN LUND – DAS VERBRECHEN) als übermächtiger, skrupelloser Medienmogul nicht nur ein namhafter Nebendarsteller im Cast auf, sondern zudem ein charismatischer, ebenbürtiger Gegner für Holmes. Der große Bruder vom berühmteren MADS MIKKELSEN spielt mit einer Widerlich- und Boshaftigkeit, dass er, trotz ausgebremsten Tempos in der Erzählstruktur, zu den Höhepunkten der gesamten Serie gezählt werden darf. Gegen ihn scheint der Meisterdetektiv machtlos zu sein und manövriert sich ins Abseits. Doch ob SEIN LETZTER SCHWUR letzten Endes wortwörtlich zu nehmen ist und Holmes diese Konfrontation nicht überlebt, sind die Fragen, die sich jeder Krimifan selbst beantworten sollte, in dem er sich diese hochwertigen Veröffentlichungen von POLYBAND in die Sammlung holt.

SHERLOCK ist ein wunderbarer Krimispaß, der jeden begeistern wird – absolute Empfehlung! Unterhaltung auf höchstem Niveau!

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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