Kritik: SEE DER VERSTÜMMELTEN LEICHEN

DER SEE DER VERSTÜMMELTEN LEICHEN:

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Dass der Film mit dem reißerischen
Titel, dem Horror und Schrecken suggerierenden Artwork des DVD-Covers
und mit Genre-Star CHRISTOPHER LEE in der Hauptrolle die hohen
Erwartungen des Zuschauers an einen nervenaufreibenden Schocker nicht
erfüllen wird, brennt sich dem Publikum gleich in der ersten Szene
ernüchternd ins Bewusstsein: Anstatt ein grauenhaft entstellter
Leichnam eben jenes Sees entsteigt und sich ein erstes Opfer sucht,
nimmt ein unbekannter Heckenschütze im roten Parka eine Frau auf ihrem
Spaziergang entlang der Küste ins Visier seines schallgedämpften
Gewehrs und feuert mehrmals auf sie – danach gilt die Ehefrau des
angesehenen Psychiaters Dr. Stephen Hayward als vermisst. Die Polizei
nimmt die Ermittlungen auf und findet alsbald Indizien, die auf eine
Täterschaft Haywards hinweisen, der außerdem mit seiner Sekretärin ein
Verhältnis hat.

Die gestreuten falschen Fährten (Hayward trägt exakt den Parka des
Schützen und lässt Beweise für seine Schuld verschwinden) und
CHRISTOPHER LEEs eindeutig verdächtiges Auftreten sind zu
offensichtlich, als dass er tatsächlich der Mörder seiner Frau sein
könnte. Und so stellt sich natürlich im anfänglichen Verlauf der
Handlung die Frage nach der Auflösung des mysteriösen Falls – was auch
den durchaus vorhandenen Spannungsgehalt des Films ausmacht.
Ebenso wie die deutsche Titelschmiede und die mehr als übertriebene
FSK-Freigabe falsche Hoffnungen wecken, spielt auch der Film mit der
Erwartungshaltung des Zuschauers und liefert nach gut der Hälfte der
Laufzeit einen überraschenden Twist. Was als geschwätziger Krimi
beginnt entwickelt sich zu einem clever konzipierten, doppelbödigen
und fintenreichen, kleinen aber feinen Thriller. DER SEE DER
VERSTÜMMELTEN LEICHEN erweist sich als ausgeklügelter Plan einer
mörderischen Charade, bei der nichts so ist, wie es zunächst den
Anschein hat und gipfelt in einer perfiden und bösen Schlusspointe.

Weder tauchen verstümmelte Leichen auf, noch werden wir Zeuge
expliziter Gewalttaten. Und trotzdem ist der Film sehr unterhaltsam
und weiß die Spannung bis zum Finale zu halten und sogar noch zu
steigern. Dabei ist der Thriller, der im Original schlicht und einfach
DIAGNOSIS: MURDER heißt und im Grunde ein britischer TV-Film ist,
lediglich hierzulande und in Österreich von gewieften Verleihern
aufgrund des zugkräftigen Hauptdarstellers als Kinofilm unter dem
spektakulären Titel vermarktet worden. Dem Unterhaltungswert tut dies
keinen Abbruch – auch wenn man sich durchaus fühlt wie an der Nase
herumgeführt worden zu sein. Wer jedoch zuerst einen Blick auf die
Inhaltsangabe wirft, sollte eigentlich wissen, worauf er sich beim SEE
DER VERSTÜMMELTEN LEICHEN einlässt.

Diskutieren kann man viel über Sinn- und Zweckmäßigkeit solcher
Marketingstrategien – unterm Strich bleibt jedoch ein solide von
SIDNEY HAYERS inszenierter Film, der sein TV-Charisma nicht leugnen
kann. Dafür spielt CHRISTOPHER LEE tatsächlich, und das hervorragend
und mit Spielfreude, die Hauptrolle und wird nicht, wie so oft als
prestigeträchtiger Star, in einer undankbaren Nebenrolle verheizt. Er
spielt einen wunderbar zwielichtigen Charakter, dessen Präsenz dem
Film sehr viel Klasse verleiht. Den unnötigen Nebenstrang um den an
den Rollstuhl gefesselten Ehemann der Freundin des Inspectors hätte
man sich zwar schenken können, das wird dann aber auch eines der
Zugeständnisse an de produzierende Sendeanstalt gewesen sein.
Ansonsten ist DER SEE DER VERSTÜMMELTEN LEICHEN ein Fest, an dem
selbst COLUMBO seine Freude gehabt hätte. Von daher ist dieses Kleinod
jedem Krimifreund wärmstens zu empfehlen und für Fans des
Hauptdarstellers ist der Titel ohnehin unverzichtbar.

Randnotiz: Der Film ist ungeschnitten. Ehemals gekürzte Dialogszenen
sind im englischen Originalton belassen und deutsch untertitelt
worden. Ansonsten liegen für den Sehgenuss sowohl die deutsche als
auch die englische Tonfassung vor.

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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