Kritik: HORSEHEAD

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Die junge Jessica leidet seit ihrer Kindheit unter wiederkehrenden
schrecklichen Alpträumen. Für das Begräbnis ihrer Großmutter kehrt sie
nach Hause zurück. In einem Fieberwahn erlebt sie in ihrem Elternhaus
ihren bislang schlimmsten Traum: Wahnsinnige Visionen der Gewalt
wechseln sich ab mit grotesken Bildern ihrer Familie und einer
verstörenden Gestalt mit einem Pferdekopf, die die junge Frau
verfolgt. Jessica versucht Kontrolle über ihre Ängste zu erlangen. Sie
will das schreckliche Geheimnis ihrer Familie ergründen und sucht
Konfrontation mit der grauenvollen Erscheinung. Betäubt von Äther
begibt sie sich auf die Reise in einen tiefen Schlaf, aus dem sie
vielleicht nie mehr erwacht…

HORSEHEAD ist das Filmdebut des jungen Regisseurs ROMAIN BASSETT, das
nicht unbedingt mit Hochspannung erwartet, aber von Fans bislang
unterschiedlich aufgenommen wurde. Vom Label DONAU FILM
veröffentlicht, das sich auf internationale Genrebeiträge
spezialisiert hat, die inhaltlich und inszenatorisch sämtliche Rahmen
konventionellen Filmschaffens sprengen, bildet HORSEHEAD keine
Ausnahme. Von vornherein sei auch so viel verraten, dass man als
Zuschauer mehr substantielle Kost erwarten sollte und nicht
zwangsläufig ein Splatterinferno, nur weil es sich hierbei um einen
französischen Genrefilm handelt. HORSEHEAD ist hinsichtlich des
Härtegrads, wenn Vergleiche überhaupt möglich sind, mit einem Film wie
LIVID in einem Atemzug zu nennen. Zuschauer, die aufgrund des
Ursprungslands Frankreich einen blutrünstigen Schocker und nichts
anderes als das erwarten, sei von HORSEHEAD abzuraten.

Die, die ihn gesehen haben, vergleichen ihn mit SUSPIRIA und sehen
deutlich die Referenz an DARIO ARGENTOs Handschrift. Solche Verweise
erhöhen natürlich die Erwartungen derer, die ihn noch nicht gesehen
haben, und könnten zu einer Enttäuschung führen. Trotz des
audio-visuellen Rauschs, den ARGENTO in SUSPIRIA inszeniert hatte, ist
und bleibt sein Meisterwerk ein phantastischer Horrorfilm, der
hinsichtlich der erzählten Geschichte im Vergleich zu HORSEHEAD nahezu
bodenständig erscheint. BASSETT bedient sich für sein Werk lediglich
der Stilmittel, die SUSPIRIA auszeichneten – aber hinsichtlich der
erzählten Geschichte beschreitet der Film ganz andere Pfade. Es ist
ein Horrorfilm der subtilen Art mit surreal angehauchten
Traumsequenzen, die das Kernstück des Films ausmachen. Dabei gilt es
für die Protagonistin die geträumten Schrecken zu deuten und ein
düsteres Geheimnis aufzudecken. Mit einem Giallo, wie einige Zuschauer
den Film verstanden haben, hat dieser Plot ebenfalls nichts zu tun.

HORSEHEAD ist ein ruhig erzählter Film, der stilistisch mit einer
erlesenen Kameraarbeit und einem stimmungsvollen Score punkten kann.
Die Inszenierung weist keinerlei Mängel auf und entfacht mitunter
einen visuell beeindruckenden und farbintensiven Bilderrausch.
Künstlerisch anspruchsvoll – und somit sind die Parallelen zu DARIO
ARGENTO auch nicht von der Hand zu weisen, doch wenn man BASSETTs
Streifen mit einem ähnlich inszenierten Titel vergleichen möchte um
mögliche Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, so wäre der in DEAD ENDS NR.1
besprochene Film DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN eher angebracht als ein
Verweis zu SUSPIRIA. DER TOT WEINT ROTE TRÄNEN ist sowohl in Bezug auf
seinen surrealen und stilistischen Charakter die richtige Alternative
um Interessenten oder Unentschlossenen einen Eindruck auf das zu
geben, was ROMAIN BASSETT mit HORSEHEAD abgeliefert hat. Der Film ist
für Zuschauer, die speziellen Titeln nicht abgeneigt sind, sicherlich
ein Fest und eine sichere Bank für angenehme Unterhaltung, wobei der
Film auch nicht mit gelegentlichen Schocks und blutigen Härten spart.
Doch werden diese Stilmittel nicht über Gebühr strapaziert, sondern
ergänzen lediglich Atmosphäre und Intensität des Films.

Mit CATRIONA MacCOLL, dem englischen Star italienischer Splatterfilme
der frühen 80er Jahre wie LUCIO FULCI s EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL
oder DIE GEISTERSTADT DER ZOMBIES, und PHILIPPE NAHON ist der Film
auch für Genrefans interessant und namhaft besetzt. NAHON, den man
unter anderem aus HIGH TENSION und DIE HORDE kennt, ist hier nach IN
THE NAME OF THE SON (siehe DEAD ENDS Nr.2) erneut in einer Nebenrolle
als Geistlicher zu sehen, ohne dabei mit seinem kurzen Auftritt den
Film aufwerten zu können. LILLY-FLEUR POINTEAUX überzeugt dafür in der
Rolle der Jessica – sie dürfte allerdings nur Fans von französischen
Familienserien bekannt sein, denn sie zählte zu den Darstellern der
Serie SECOND CHANCE.

Fazit: HORSEHEAD liefert ein unheimliches und atmosphärisches Szenario
wie LIVID, im surrealen Stil von DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN und mit den
stilistischen Finessen eines DARIO ARGENTO – einwandfrei in Szene
gesetzt, aber ohne die Intensität der genannten Titel zu erreichen. Da
jeder Zuschauer einen individuellen Geschmack hat und der Film sehr
speziell ist, verzichten wir sowohl auf eine Wertung als auch auf eine
Empfehlung, sondern überlassen mit unseren Eindrücken dem Zuschauer
die Entscheidung, sich für oder gegen HORSEHEAD zu entscheiden.

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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