Kritik: HIRNGESPINSTER

Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung. Sie ist durch Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und der Affektivität gekennzeichnet. Auch Depression und Antriebsmangel können im Rahmen einer Schizophrenie vorkommen und werden als Negativsymptome eingeordnet. Als Positivsymptome bezeichnet man Übersteigerungen und starke Fehlinterpretationen des normalen Erlebens bis hin zu manifesten chronischen Halluzinationen. Sie können, je nach Schwere der Erkrankung, unterschiedliche Formen annehmen, wobei die paranoide Schizophrenie die häufigste Form der Schizophrenie ist. Wesentliche Merkmale sind hierbei Wahnvorstellungen, Ich-Störungen und akustische Halluzinationen (u.a. imperative [befehlende] oder kommentierende Stimmen), die in ca. 80 % aller Fälle vorkommen. Die Wahnvorstellungen können z. B. eine Überwachung oder Fremdbeeinflussung, Kontakt zu „Außerirdischen“ oder „Göttern“ zum Inhalt haben und werden durch eventuell auftretende Halluzinationen verstärkt.

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Schizophrenie ist in der Literatur und im Film und Fernsehen gelegentlich ein zentrales Thema, u.a. in SHINE – DER WEG INS LICHT, A BEAUTIFUL MIND oder auch in der vierten Staffel der US-Serie 24. Es ist ein sehr schwieriges Thema, das nicht leicht für den Zuschauer umzusetzen ist, um diesen nicht unter der schweren Last der Thematik zu unterdrücken. Auch der Bremer „Tatort“ ORDNUNG IM LOT stellte bei dem Fall um einen ermordeten Tankstellenpächter die Figur Sylvia Lange und ihre schizoide Persönlichkeitsstörung in den Fokus der Handlung – das Ergebnis war dabei eher durchwachsen, wurde die Erkrankung zum Nebenschauplatz und die dargestellten Symptome mehr belächelt, als dass man sich als Zuschauer ernsthaft damit auseinander setzt.

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Ein Makel, der dem Drehbuchautor und Regisseur von HIRNGESPINSTER nicht unterläuft. Im Gegenteil: in seinem beeindruckenden Filmdebut verarbeitet CHRISTIAN BACH eindrucksvoll die realen Ereignisse einer ihm nahestehenden betroffenen Familie, ergänzt diese durch weitere Episoden und fügt sie zu einer bewegenden Geschichte zusammen, die sich behutsam des schwierigen Themas annimmt. In kleinen Schritten, quasi wie der schleichende Krankheitsverlauf, nähert er sich dem paranoid-schizoiden Hans Dallinger (TOBIAS MORETTI), dessen Erkrankung sich in Schüben bemerkbar macht. Dallinger akzeptiert weder seine Erkrankung, noch lässt er sich behandeln. Als seine Wahnvorstellungen allmählich bedrohliche Züge für seine Außenwelt annehmen, wird er nach einem Polizeieinsatz und anschließendem Gutachten vorerst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und mit Medikamenten eingestellt. Wieder nach Hause entlassen, verweigert er die Medikation, die Voraussetzung für seine Entlassung war. Seine besorgte Frau mischt ihm die Tabletten ins Essen – bis ihr Mann dahinter kommt und sich fortan in seinem Arbeitszimmer verbarrikadiert. Als sich der 23-jährige Sohn des Hauses in eine Studentin verliebt, die die Stadt für ihr Medizinstudium in Hamburg in Kürze verlassen wird, wird ihm klar, welche Opfer die Familie aufbringen muss. Der Familienalltag wird zur Belastungsprobe, die Situation droht zu eskalieren…

CHRISTIAN BACHS Film, von der DEUTSCHEN FILM- UND MEDIENBEWERTUNG mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet, gelingt auf Anhieb, was nur wenige Filme zu dieser Thematik schaffen: HIRNGESPINSTER unterhält auf ganzer Linie und ist, trotz seiner schweren Thematik, ein sehr leichter, unkomplizierter, gleichzeitig auch bewegender und dramatischer Film, der es schafft, ein rein äußerlich normales und alltägliches Familienleben zu portraitieren, dass hinter der Fassade zu zerbrechen droht. Der Vater arbeitsunfähig und dadurch verschuldet, die Mutter ganztags berufstätig – liegt es an Sohn Simon, sich um den Haushalt, den Vater und die kleine Schwester zu kümmern und dabei eigene Chancen nicht wahrnehmen zu können. Simons Job steht aufgrund der Ausraster des Vaters auf der Kippe, die kleine Schwester erkennt noch nicht die Zusammenhänge und die Mutter hat sich längst mit diesem Leben abgefunden – weil sie ihren Mann liebt. Der Zuschauer fühlt sich gleich der Familie zugehörig, kann sich mit der Situation und den Figuren identifizieren und nimmt wie ein Besucher im Wohnzimmer an dem Familienleben teil, das von der Erkrankung des Vaters geprägt ist.

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Dabei bedarf es keiner minutenlangen Diagnosen oder unverständlicher Symptombezeichnungen, um zu verdeutlichen, in welcher Form sich die Krankheit darstellt. HIRNGESPINSTER setzt sich mit der Thematik auseinander – ohne dabei den Zuschauer mit dem Holzhammer zu penetrieren. Es ist ein ruhiger und sehr intimer Film, in dem Hans Schübe umso intensiver auftreten. Nicht ganz ohne Schockwirkung für den Zuschauer, denn nicht selten äußert es sich wie aus heiterem Himmel. BACH zeigt anschaulich, dass das System Familie zwar unter dem Schicksal leidet und oftmals dunkle Wolken über das Idyll ziehen – aber dass die Liebe und der Zusammenhalt auch solche schweren Stunden überstehen. Dabei ist HIRNGESPINSTER auch nicht kitschig, auch wenn die Szenen zwischen Bruder und Schwester rührend dargestellt sind. Der Film ist natürlich und lebensecht und deshalb so hervorragend. Was nicht zuletzt auch an den hochgejubelten, vielfach ausgezeichneten Darstellerleistungen liegt. TOBIAS MORETTI, den ich als Teenager mit KOMMISSAR REX bei der Verbrecherjagd verfolgt habe, hat sich im Laufe seiner Karriere zu einem beachtlichen Charakterdarsteller entwickelt, der diese, im wahrsten Sinne des Wortes, zwiegespaltene Persönlichkeit mit Bravour meistert. Auch Filmsohn Simon (JONAS NAY) spielt beachtlich und gilt schon jetzt als großes, hoffnungsvolles Nachwuchstalent. STEPHANIE JAPP und ELLA FREY als Frau und Tochter, sowie HANNA PLAß als Simons Freundin, spielen ebenfalls sehr überzeugend. CHRISTIAN BACH beweist außerordentliches Talent bei der Schauspielführung – da sitzt jede Gestik, jede Mimik und jeder Blick.

Wer bei HIRNGESPINSTER aufgrund der Thematik ein schwerfälliges und düsteres Familiendrama erwartet, ist auf dem Holzweg. HIRNGESPINSTER ist ein Familiendrama – aber keinesfalls schwerfällig oder düster. Der Film ist auch nicht anstrengend, da er sich nicht ausschließlich auf die Krankeitserscheinung fokussiert und den Zuschauer nicht mit einer Aneinanderreihung psychotischer Ausbrüche überfordert.
Im Gegenteil: mit etwas Humor, der natürlich auch aus den, für den Zuschauer befremdlichen Verhaltensweisen von Hans resultiert, wird die Thematik angemessen in Szene gesetzt und weiß über die gesamte Laufzeit bestens zu unterhalten.

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Ein mutiger, ein schöner und auch nachdenklich stimmender Film, der es verdient hat, Beachtung zu bekommen. Absolute Empfehlung!

7,5/10

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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