Kritik: GEFÄLLT MIR

Der deutsche Genrefilm hat es hierzulande nicht einfach. Während wir zu Hunderttausenden in die Kinos strömen und uns von Komödien berieseln lassen, die immer und immer wieder nach dem gleichen Muster gestrickt sind und deren Hauptdarsteller mittlerweile zu ihrem eigenen Klischee verkommen, wird dem deutschen Horrorfilm oder Thriller kaum die Beachtung geschenkt, die er eigentlich verdient hätte. Ein Erfolg wie ANATOMIE ist da eher die Ausnahme. Und selbst inszenatorisch anspruchsvollere Titel wie ANTIKÖRPER erreichen nicht annähernd so viele Zuschauer, wie man ihnen wünschen würde.

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GEFÄLLT MIR, das Spielfilm-Debut von MICHAEL DAVID PATE, hat sogar noch einen viel schwierigeren Stand und behauptet sich für eine 300000-Euro-Produktion ohne Filmförderung und ohne Verleih, sehr wacker. Das Projekt, das mittels Crowdfunding und Sponsoring nach und nach finanziert und entsprechend unter schwierigen Bedingungen realisiert wurde, ist aber auch eines der wenigen Beispiele eines Filmemachers, der mit sehr viel Ehrgeiz seine Vision eines Films so auf die Leinwand gebracht hat, wie er es sich vorgestellt hat – ohne auf vorgeschlagene Schnittauflagen der FSK einzugehen um ihn für eine größere Zielgruppen-Reichweite niedriger einstufen zu können, und ohne sich den Wünschen und Vorstellungen der Filmförderung oder eines Verleihs zu unterwerfen.

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GEFÄLLT MIR ist also in erster Linie ein Independent-Film im wahrsten Sinne des Wortes und rückblickend auf die erschwerten Produktionsbedingungen ein Debut, das vom inszenatorischen Standpunkt aus betrachtet ein Diamant ist, der zwar nicht ganz lupenrein ist und dem es hier und da allerdings noch etwas an Feinschliff fehlt – aber er ist echt! Man sieht dem Film an, wie viel Herzblut hinter dem Projekt steht – auch von Seiten der beiden Hauptdarsteller, TOBIAS SCHENKE und ISABELLA VINET, die seit Filmstart vergangener Woche zusammen mit Regisseur PATE auf Promotion-Tour quer durch Deutschland sind, um GEFÄLLT MIR auf Festivals und in Kinos dem Zuschauer persönlich vorzustellen. Respekt dafür!

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MICHAEL DAVID PATE, dessen große Vorbilder ROBERT RODRIGUEZ und QUENTIN TARANTINO sind, bezeichnet die Umsetzung seines von ihm selbst verfassten Filmstoffs als „unkonventionell“ – und in der Tat: GEFÄLLT MIR weist nicht immer einen klaren Handlungsverlauf auf, sondern springt TARANTINO-typisch teilweise auf verschiedenen Zeitebenen hin und her, wobei vereinzelte Szenen erst im nachhinein einen Sinn ergeben. Außerdem bedient er sich unterschiedlichster Stilmittel, um seinen Thriller, der in den anonymen Untiefen des Social Networks angesiedelt ist, stimmig in Szene zu setzen. Dabei wird auch dem Found Footage-Subgenre in kurzen Einstellungen Tribut gezollt und sich an den düsteren Settings amerikanischer Torture-Slasher wie SAW orientiert, um im selben Atemzug den Final-Twist des Vorbilds in der Art seiner Inszenierung zu zitieren. Ein Camping-Ausflug im tiefsten Wald erinnert nicht von ungefähr an FREITAG, DER 13 – doch trotz einiger Querverweise durch die Filmgeschichte, ist GEFÄLLT MIR viel mehr als nur heiteres Zitateraten.

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In GEFÄLLT MIR geht es um einen Serienkiller, genannt „Der Fleischer“, der in Schleswig-Holstein Jagd auf Social Network-Junkies macht, die zu verbaler Kommunikation kaum noch fähig sind und ihr Leben bei Facebook öffentlich ausbreiten. Das macht sie, gleichzeitig auch der Aussagekern des Films, angreifbar und zu idealen Opfern. Mit Hilfe von Fake-Accounts oder mittels gehackter Profile,  schafft es „Der Fleischer“ das Vertrauen junger Mädchen zu gewinnen, sie zu treffen und dann bestialisch abzuschlachten. Für seine eigene Trophäen-Sammlung schneidet er ihnen die Hand ab, stellt sie in DAUMEN HOCH-Pose in seinem Keller aus und postet das Gesicht seiner toten Opfer als deren neues Profilbild. Als Nataschas (ISABELLA VINET als eine Art deutsche Lisbeth Salander mit Rastalocken) Freundin Jennifer ebenfalls von dem maskierten Killer heimgesucht und „wie ein Rindvieh“ massakriert wird, sagt sie in einer Talkshow dem Psychopathen den Kampf an. Der nimmt die Herausforderung an und Nataschas Freundesliste etwas genauer unter die Lupe. Mit Hilfe des Schutzpolizisten Axel (TOBIAS SCHENKE) beginnt sie mit ihren Nachforschungen und kommt dabei dem Killer näher, als ihr lieb ist.

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Die Story hat durchaus Potential und wurde so, zumindest in Deutschland, noch nicht in Szene gesetzt. Wer sich in der Filmgeschichte auskennt, der weiß auch, dass GEFÄLLT MIR auch nicht der erste Film ist, der sich dieser Thematik annimmt – aber zumindest der erste, der dies stilistisch und ausführlich so umsetzt, wie es hier der Fall ist. Dabei ist schon erstaunlich, mit wie viel Liebe zum Detail, aber auch mit einer ungeheuren Naivität ans Werk gegangen wurde: Schutzpolizisten eines kleinen Dorfes (u.a. Synchronsprecher CHARLES RETTINGHAUS – JAMIE FOXX – ) ermitteln hier im Fall eines Serienkillers und stellen sich dabei so klischeehaft und tumb an, dass der ansonsten düstere Thriller teilweise wie eine Komödie wirkt.

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Dass die ernste Thematik und gelegentliche Härten durch Humor abgemildert wurden, war ein bewusst vom Regisseur eingesetztes Stilmittel, das hier jedoch über Gebühr strapaziert wurde und der Story so manchen Thrill nimmt. Etwas Mediensatire schön und gut, hier und da ein kleiner Gag – alles vollkommen in Ordnung. Aber es muss stimmig sein, darf nicht unfreiwillig komisch oder gar überzeichnet wirken. Vor allem, wenn hier, neben dem Serienkiller und der Kritik an sozialen Netzwerken, auch noch eine kontroverse Thematik wie Selbstjustiz und ein rechtsradikaler Lynchmob aufgegriffen werden, ganz zu schweigen von einem pädophilen Triebtäter (Synchronsprecher RONALD NITSCHKE – TOMMY LEE JONES – ), der ebenfalls in die Handlung mit eingebaut wurde. Die komplette Story mitsamt ihrer Message, die unzähligen Verweise auf Genrefilme, eine unkonventionelle Inszenierung mit gelegentlichen Splatter-Momenten, eine intelligente Auflösung – das alles zusammen ergibt eine hervorragende Mischung, die stellenweise durch übermäßig viele humorvolle Brechungen, an Intensität verliert.

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Das Finale ist packend – hier gelingt es PATE sogar, die Spannungsschraube anzuziehen – leider gibt es auch hier eine mehr als skurrile Szene, die an sich für den Handlungsverlauf stimmig ist, aber so übertrieben klamaukhaft umgesetzt wurde, dass man lachen musste. Der wirklich clevere Final-Twist kommt dabei natürlich nicht so zur Geltung, wie es sich für einen Thriller gehört (und als solcher will GEFÄLLT MIR verstanden und auch wahrgenommen werden) – auch wenn dem Regisseur hier ein Aha-Effekt gelingt.

 

Das ist die eigentliche Schwäche des Films, dem sich die packende Handlung zu widersetzen versucht. Das gelingt sogar teilweise, da MICHAEL DAVID PATE durchaus atmosphärische Szenen gelingen, wobei er natürlich auch mit den Klischees des Social Networks spielt – und dabei doch das Bild dieser Generation ziemlich exakt trifft. Wenn zwei Jugendliche, die sich zuvor nur aus dem Netz kennen, sich plötzlich in Fleisch und Blut gegenüberstehen und nichts zustande kriegen außer belangloser Phrasen, sitzt der Stachel der Kritik an Facebook & Co natürlich sehr tief – und das sind dann auch die Szenen, in denen GEFÄLLT MIR durchaus zu überzeugen weiß.

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Darüber hinaus punktet der Film mit einem hervorragenden Score, wohl dosierten, aber stimmungsvollen Slasher-Momenten und natürlichen Charakteren, die praktisch aus dem Leben gegriffen sind. Hat sich der Zuschauer erst einmal an der visuellen Umsetzung der Thematik gewöhnt, entwickelt sich GEFÄLLT MIR zu einem kurzweiligen Filmvergnügen mit Ecken und Kanten – etwas mehr Tempo, ein etwas zackigerer Schnitt und weniger Humor – und das finstere FACEBOOK MURDER MOVIE wäre perfekt gewesen.

Potential und Talent des jungen Filmemachers lassen sich aber auf jeden Fall erkennen – ob es für ein GEFÄLLT MIR reicht, muss der Zuschauer selbst entscheiden. Also, auf ins Kino so lange der Film noch läuft!

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About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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