Kritik: ER IST WIEDER DA

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ER IST WIEDER DA

[…] Er ist wieder da – der Führer. Knapp 70 Jahre nach seinem unrühmlichen Abgang erwacht Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Angela Merkel und vielen tausend Ausländern startet er, was man am wenigsten von ihm erwartet hätte: eine Karriere im Fernsehen. Denn das Volk, dem er bei einer Reise durch das neue Deutschland begegnet, hält ihn für einen politisch nicht ganz korrekten Comedian und macht ihn zum gefeierten TV-Star. Und das, obwohl sich Adolf Hitler seit 1945 äußerlich und innerlich keinen Deut verändert hat: Er will Deutschland zurück erobern!

In einer Zeit, in der liberale Bürger Flüchtlingsströme mit offenen
Armen und „Refugees Welcome“-Plakaten empfangen und Pegida-Anhänger gegen Merkels Flüchtlingspolitik und die Missstände in unserem Land aufmarschieren, kehrt ein Mann zurück, der für das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte steht: Adolf Hitler. Es ist nicht der erste humorvolle Film über den Diktator, der für den Genozid von Millionen Menschen verantwortlich war und dessen Wahnsinn und Allmachtsphantasien Deutschland in den Zweiten Weltkrieg führten, und es wird auch nicht der letzte sein. Die Frage ist nur, ob es die richtige Zeit für einen Film dieser Art ist. Eine Zeit, in der aufgrund der aktuellen Lage in unserem Land Unzufriedenheit über das politische System herrscht, das rechtspopulistischen Parteien einen Aufschwung in der Bevölkerung
verschafft und ihnen Nahrung für ein höchst zweifelhaftes und
fragwürdiges Parteiprogramm liefert. Ist es richtig, unter dem
Deckmantel der Parodie und politischen Satire einen Massenmörder und den Inbegriff des Nationalsozialismus zur Hauptfigur eines Filmes zu machen? Ja! Zum einen weil es mal wieder an der Zeit war, dass ein deutscher Film, wenn auch als Komödie, den Mut aufbringt einen kontroversen Stoff auf die große Leinwand zu bringen, der so viel mehr ist als eine plumpe Parodie oder trockene Politsatire.
An ER IST WIEDER DA scheiden sich die Geister und viele Kritiker
ließen sowohl an der literarischen Vorlage als auch an der Verfilmung nicht immer ein gutes Haar. So schrieb MICHAEL HANFELD auf faz.netes sei der „dümmste und perfideste Film, der seit langem in die Kinos gekommen ist“. Allerdings sollte und muss man einen Film, der – meiner bescheidenden Meinung nach – sehr clever und vielschichtig aktuelles Zeitgeschehen portraitiert, nicht eindimensional betrachten, sondern sich die Mühe machen über den Tellerrand hinauszuschauen. Und was man da entdecken kann, sofern man aus seinem geistigen Vakuum ausbricht, fasse ich in wenigen Augenblicken zusammen.

DAVID WNENDTs (FEUCHTGEBIETE) Film beginnt als eines der wohl ungewöhnlichsten Road Movies der Filmgeschichte. Adolf Hitler reist mit einem gescheiterten Fernsehredakteur durch das Deutschland der heutigen Zeit, stellt sich den technischen Herausforderungen der Moderne, entdeckt das Internet und Social Network für sich, erschießt einen kleinen Hund und stellt sich den Bürgern. Er fragt sie nach ihren Sorgen, Nöten, Ängsten und auch Wünschen und zieht mit seinem ungewöhnlichen, aber nicht minder charismatischen Auftreten die Massen erneut auf seine Seite. Die wenigsten erkennen in ihm den wahren Adolf Hitler, sondern sehen in ihm einen Komiker, der mit seinem Humor aneckt, aber das Volk begeistert und ihm aus der Seele spricht. Kinderarmut, Altersarmut, Arbeitslosigkeit – es folgt ein kritischer Rundumschlag gegen das deutsche Parteiwesen und auf das Privatfernsehen. Spätestens hier entwickelt sich ER IST WIEDER DA zur spöttischen Polit- und Mediensatire mit gesellschaftskritischen Bezügen und zeigt in dokumentarisch angehauchten Spielszenen, teilweise gestellt und auch mit unbeteiligten Passanten gedreht, wie durch ein geschicktes Marketing und das Internet ein Hype um eine Person erzeugt wird, der die Massen blindlings folgen und zu Mitläufern einer Bewegung werden, die sich immer weiter in Gang setzt.

Das Seil, auf dem sich ER IST WIEDER DA bewegt, ist schmal – doch der Film meistert den Balanceakt zwischen Verballhornung, politisch unkorrekten Gags und Gesellschaftskritik sehr gut. Jegliche Kritik aus den Ecken der Weltverbesserer, die in der Tatsache, Adolf Hitler zur Hauptfigur einer Komödie zu machen, die Gefahr sehen, geschichtliche Fakten verblassen zu lassen, ist vollkommen unbegründet. Im Gegenteil: Die kurze, aber umso intensivere Szene, in der die an Demenz erkrankte Großmutter Krömeier auf den Führer trifft und ihr nur durch sein Antlitz die Gräueltaten vergangener Zeiten wieder schmerzhaft bewusst werden, lässt jeden vorherigen Gag vergessen, sondern macht deutlich, dass wir uns immer unserer Vergangenheit bewusst sein müssen. Es geht
nicht darum, dass Generationen nach 1933 für die Sünden der Vorfahren zahlen, sondern dass sie diese niemals vergessen. Als Mahnmal dafür, dass so etwas nie wieder passieren darf.

ER IST WIEDER DA ist viel mehr als eine herkömmliche Komödie. Er beleuchtet die heikle Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln ohne für eine Seite Partei zu ergreifen. Hier kriegt jeder, der es verdient hat, sein Fett ab. Wer beim diesjährigen Karneval aufgrund eines dem Brauchtum gegenüber sehr freundlich gesonnenen Sturmtiefs namens „Ruzica“ die obligatorische Schelte für unsere Politiker bei den abgesagten Umzügen vermisst hat, wird in ER IST WIEDER DA entschädigt und bestens zufrieden gestellt. Angela Merkel kriegt ebenso eins auf die Mütze wie rechtsextreme Kleinparteien, deren Vorsitzende und Anhänger als das dargestellt werden was sie sind: tumbe, stotternde Hohlbirnen (der dargestellte NPD-Vorsitzende heißt übrigens Ulf Birne), die vor der Autorität ihres Gegenübers erzittern und sich einnässen. Wer sich bei diesem Film als Rezensent kritisch äußert und ihn als Pamphlet tituliert, hat offensichtlich nicht den Hauch einer Ahnung, wie sich Politsatire definiert und darstellt. Man muss schon seine schwarz-weiße Sichtweise und die rosarote Brille ablegen und zwischen den Zeilen lesen beziehungsweise den Aussagekern der Spielszenen begreifen und verstehen, um die Message dahinter erkennen zu können. Das ist es, was diesen Film, so grotesk und lustig er auch
sein mag, vom komödiantischen, substanzlosen Massenbrei unterscheidet.

Hier geht es nicht nur ausschließlich um die Unterhaltung des
Publikums, sondern auch um dessen Aufklärung. In dieser Hinsicht
erweist sich ER IST WIEDER DA als äußerst vielschichtig und
intelligent – es ist eine bitter-böse Satire mit galligem Humor, die
den Zuschauer nicht nur zum Lachen animiert, sondern auch zum
Nachdenken bewegt. Und somit bietet der Titel hintergründige
Unterhaltung. Für die einen ein rotes Tuch, für die anderen ein
kleines Highlight fernab sonstiger bundesdeutscher
Entertainment-Mechanismen.

Quelle: DEAD ENDS 06

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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