Kritik: DIE LETZTE RECHNUNG SCHREIBT DER TOD (FilmArt Polizieschi Edition 001)

DIE LETZTE RECHNUNG SCHREIBT DER TOD – MILANO VIOLENTA (1976)

Ein Film von MARIO CAIANO, mit CLAUDIO CASSINELLI, VITTORIO MEZZOGIORNO und JOHN STEINER

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Ein Raubüberfall auf ein Lohnbüro. Die Polizei umstellt das Haus. Zwei der Gangster können mit dem Geld fliehen, die beiden anderen erzwingen durch Geiselnahme ein Fluchtauto. Doch sie kommen nicht weit, denn das Benzin geht aus. Einer der Gangster wird an der Tankstelle erwischt, der andere flüchtet verletzt zu einer Prostituierten. Von ihr erfährt er, dass die mit dem Geld geflüchteten Komplizen in einem alten Schlachthof untergetaucht sind. Die Jagd nach dem Geld beginnt, ein Komplize traut dem anderen nicht über den Weg, jeder will den Hauptanteil. Wer im Weg steht wird kaltblütig liquidiert. Die letzte Rechnung zahlt der Tod…

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Nicht nur Motto des Films, sondern auch gleichzeitig der reißerische Titel dieses italienischen Actionkrimis, der im Original MILANO VIOLENTA heißt und dabei die Marschrichtung des Streifens vorgibt. FilmArt, ein kleines Label, das sich hauptsächlich der Veröffentlichung seltener und lang gesuchter italienischer Genre-Perlen verschrieben hat, feiert mit diesem ruppigen Machwerk auch gleich den Einstand für seine POLIZIESCHI EDITION und stellt mit dieser Auswahl gleich unter Beweis, wie vielseitig das beliebte Subgenre ist. DIE LETZTE RECHNUNG SCHREIBT DER TOD ist zwar recht blutig und brutal – im Vergleich zu anderen Beiträgen aber noch relativ zahm in Szene gesetzt. Dreh- und Angelpunkt des wendungsreichen Films ist dabei der mehr oder weniger geglückte Raubüberfall, bei dem es gleich die ersten Toten auf Seiten der Geiseln und der Polizei zu verzeichnen gibt, denn der charismatische Anführer der Bande macht keine Gefangenen. Im Gegensatz zu Titeln wie GEWALT RAST DURCH DIE STADT oder CAMORRA – EIN BULLE RÄUMT AUF steht hier weniger die Thematik im Vordergrund, mit polizeiuntypischen Methoden der Gewalt auf den Straßen Herr zu werden und Verbrecher mittels fragwürdiger Methoden dingfest zu machen. Vielmehr entwirft der Film ein mehr oder weniger stimmiges Bild üblicher Polizei- und Ermittlungsarbeit, bei der Verhöre, Zeugenbefragungen und Observationen im Mittelpunkt stehen, während in der parallel verlaufenden Storyline der Konkurrenzkampf innerhalb der Bande in den Fokus der Handlung gestellt wird. Hier orientiert sich der Film sogar am bekannten Handlungsmuster des Italowesterns, wird doch der Anführer Opfer der Gier seiner Komplizen, in einen Hinterhalt gelockt und angeschossen. Nach erfolgreicher Genesung macht er sich auf, um sich für den Verrat zu rächen. Doch die Polizei in Gestalt des Commissario Foschi ist ihm bereits dicht auf den Fersen.

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DIE LETZTE RECHNUNG SCHREIBT DER TOD ist dabei in drei Akte geteilt: Als erstes steht der Überfall, der mit der üblichen Skrupellosig- und Kaltschnäuzigkeit durchgezogen wird und die erste halbe Stunde in Anspruch nimmt. Die ist extrem temporeich mit einem markanten Score und nett gefilmten Verfolgungsjagden in Szene gesetzt. Nach dem rasanten Einstieg verfällt MARIO CAIANOS Inszenierung jedoch in Lethargie, da der folgende Handlungsverlauf viel ruhiger ausfällt und keine actionbetonten Höhepunkte zu bieten hat. Bis zum bleihaltigen Finale verläuft die Suche nach der Beute und der Rachefeldzug eher träge und durchschnittlich, bietet aber dennoch die eine oder andere Härte und einen abwechslungsreichen Soundtrack. Erst im letzten Drittel steigert der Film wieder allmählich sein Tempo und gipfelt im Sieg des Guten über das Böse.

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Das kommt in DIE LETZTE RECHNUNG SCHREIBT DER TOD, konsequent gegen sein Image gebürstet, in Gestalt von CLAUDIO CASSINELLI daher, der zwei Jahre zuvor noch in Sachen DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER die polizeilichen Ermittlungen in einer Mordserie leitete und unter der Regie von SERGIO MARTINO u.a. in DIE WEISSE GÖTTIN DER KANNIBALEN, INSEL DER NEUEN MONSTER und DER FLUSS DER MÖRDERKROKODILE zu sehen war. Hier gibt er, unrasiert und das pomadige Langhaar nach hinten gekämmt, den gewissenlosen Einzelgänger und Anführer einer Ganovenbande, die mit JOHN STEINER (CALIGULA, TENEBRE, DER COMMANDER) und VITTORIO MEZZOGIORNO (MICHELE PLACIDOS Nachfolger in der TV-Serie ALLEIN GEGEN DIE MAFIA) nahezu komplett ist. Den etwas blassen Commissario, dem hier vor allem wegen seines üppigen Schnauzbartes etwas Farbe verliehen wird, gibt SALVATORE PUNTILLO, den eingefleischte Italo-Fans ebenfalls aus Mafiakrimis wie CAMORRA und Italowestern wie MANNAJA oder VERDAMMT ZU LEBEN – VERDAMMT ZU STERBEN kennen sollten. Etwas anrüchiger Sex und frauenverachtende Machismen machen das genretypische Konstrukt perfekt – wenn auch MARIO CAIANOS Werk, der auch DIE KILLER-MEUTE inszeniert hatte, nicht zu den Höhepunkten der Ära gehört.

DVD Die letzte Rechnung schreibt der Tod

Als Einstand für die Reihe jedoch ein interessanter Titel, der einen feinen Vorgeschmack auf das gibt, was die Fans in den folgenden Veröffentlichungen erwartet. Der Film erscheint stilecht in einer blutroten Amaray-Hülle, die sich dem Artwork perfekt anpasst. Mit dem italienischen Kinotrailer und einer Trailershow ist das Bonusmaterial zwar recht dürftig, dafür erscheint der Film erstmals ungeschnitten und in deutsch in einer akzeptablen Qualität auf DVD. Außerdem ersetzt das umfangreiche Booklet, geschrieben von HEIKO HARTMANN, fehlende Extras und macht die Ausstattung dieser Veröffentlichung perfekt. Freunde des italienischen Genre-Kinos können hier bedenkenlos und uneingeschränkt zugreifen und sich in schöner Regelmäßigkeit eine vielseitige Film-Collection im ansprechenden Design zusammenstellen.

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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