Kritik: DER TOT WEINT ROTE TRÄNEN – „Ein surrealer Farben- und Bilderrausch als Giallo-Hommage“ (DEAD ENDS)

Dan Kristensen kehrt zurück von einer Geschäftsreise und findet zu seiner Überraschung das stilvolle Art-Deco-Appartement verlassen und von innen verschlossen vor. Obwohl er erst kürzlich noch mit seiner Frau telefoniert hatte. Nachfragen bei Nachbarn sowie ein Anruf bei der Polizei führen zu keinen nennenswerten Erkenntnissen – im
Gegenteil: Sie werfen noch viel mehr Fragen und Rätsel auf. Dan bleibt nichts anderes übrig, als auf eigene Faust nach der Wahrheit zu suchen. Dabei verstrickt er sich in einem bizarren Labyrinth aus Gängen, kryptischen Hinweisen und sexuellen Obsessionen. Seine Suche entwickelt sich zu einem surrealen Albtraum zwischen Wahn und Wirklichkeit, der zum Angriff auf sämtliche Sinne ansetzt.

Nach AMER liegt mit DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN (seit 29.01. über KOCH MEDIA auf DVD und BR im Handel) nunmehr der zweite Geniestreich des Regie-Duos CATTET und FORZANI vor. Der poetisch angehauchte Titel und
das formidable Artwork von Filmplakat und Cover können jedoch nicht annähernd zum Ausdruck bringen, welch inszenatorischer Glanzleistung der Zuschauer hier von Anfang bis Ende ausgesetzt ist. Ich verwende bewusst das Wort „ausgesetzt“ – denn DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN ist kein Film, den man sich zwischendurch mal eben anschaut. Man setzt sich dem Film aus und gibt sich ihm voll und ganz hin – und nur wer ein Faible für eine surreale und künstlerisch höchst anspruchsvolle Inszenierung hat und ein enthusiastischer Film-Liebhaber ist, wird diesen Film genießen können wie eine gute Flasche Wein. Allen anderen, die sich diesem Rausch aussetzen wollen, sei dieser Film abgeraten – er ist sehr speziell und könnte für „normale“ Zuschauer eine Qual sein.

Ganz klar als Hommage an den Giallo konzipiert, ist DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN  in seiner rauschhaften Farbdramaturgie und Bildsprache an MARIO BAVA und DARIO ARGENTO, den beiden ungekrönten Königen des
beliebten Subgenres, angelehnt. Und ARGENTOS audio-visuelles Meisterwerk SUSPIRIA stand dabei eindeutig Pate. Die dürftige Rahmenhandlung um das mysteriöse Verschwinden von Dans Frau Edwige sowie die düsteren Geheimnisse des opulent ausgestatteten Hauses sind nur Mittel zum Zweck für eine Aneinanderreihung von ausgefeilten Bildkompositionen wie die Split Screen-Collage zweier Gesichtshälften, die zusammen ein Profil ergeben, und die unzähligen außergewöhnlichen, teilweise verspielten Kameraperspektiven. Eine nahezu exzessive
Farbdramaturgie, eine Geräuschkulisse, die bis ins Mark geht, ein exquisiter Soundtrack mit ausgesuchten Stücken von BRUNO NICOLAI, RIZ ORTOLANI, ENNIO MORRICONE und GUIDO & MAURIZIO DE ANGELIS aus Filmen wie TORSO und DER SCHWANZ DES SKORPIONS – das und noch vieles mehr machen aus DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN einen Rausch für die Sinne. Ein Film ohne klare Linie, der sich nur einer Regel verpflichtet fühlt: STYLE OVER SUBSTANCE.

Nur wer sich im Giallo auskennt, wird die vielen kleinen versteckten Hinweise deuten können, mit denen der Film nicht nur den großen Vorbildern seine Referenz erweist, sondern den Zuschauer auch zum Zitateraten einlädt. Ein gelbes Streichholzbriefchen als Verweis auf den charakteristisch gelben Einband der Romanhefte, denen der Giallo seine kategorische Bezeichnung verdankt. Der Rollenname „Edwige“ als Verneigung vor der wohl bekanntesten Darstellerin, EDWIGE FENECH, die in zahlreichen Filmen wie DER KILLER VON WIEN oder DIE FARBEN DER NACHT zu sehen war. Der rauschartige, fulminant geschnittene Rasiermessermord, wie er selbst von DARIO ARGENTO nicht kunst- und
stilvoller hätte inszeniert werden können. Die roten Pumps, die man sofort mit TENEBRE in Verbindung bringt. Die Zahl „7“, die in Titeln wie SIEBEN JUNGFRAUEN FÜR DEN TEUFEL oder DER TEUFEL MIT DEN SIEBEN GESICHTERN eine besondere Bedeutung hat. Und das wohl prägnanteste Stilmittel eines jeden Gialli nicht zu vergessen: die obligatorischen schwarzen Handschuhe.

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DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL, SPASMO, PROFONDO ROSSO – sie alle werden, wenn auch in kurzen Augenblicken, zitiert. Das sind, neben dem künstlerischen Aspekt, die Momente, aus denen DER TOD WEINT ROTE
TRÄNEN seinen Reiz zieht. Ein erotisches, blutiges, faszinierendes und obsessives Meisterwerk von berauschender Eleganz. Einziges Manko, gerade bei einem Film dieser Güteklasse, ist das Fehlen jeglicher Extras. Außer eines
Trailers ist die Ausbeute hier mager und sehr enttäuschend. Doch wer sich durch eine DEAD ENDS lesen kann, kann sich auch dem 20-seitigen Booklet der Veröffentlichung widmen – auch wenn ein Making Of sicherlich  interessanter gewesen wäre…

DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN ist einer der unzähligen Beiträge des neuen Print-Magazins DEAD ENDS, das bequem und einfach unter www.dead-ends.de bestellt werden kann:

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KOCH MEDIA hat DEAD ENDS mit jeweils zwei DVD-Mediabooks und einem BR-Mediabook für den DEAD ENDS-Foto Contest unterstützt!

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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