Kritik: DER SCHWANZ DES SKORPIONS (FilmArt Giallo Edition 002)

Im Rahmen der Giallo Edition von FilmArt präsentiert uns das Label mit der Nr. 002, wie üblich passend und stilsicher im gelben Amaray-Case, einen „frühen“ Beitrag von SERGIO MARTINO, von dem wir sowohl in dieser, als auch in der POLIZIESCHI EDITION, noch einige hochkarätige Schmuckstücke bewundern dürfen. Mit DER SCHWANZ DES SKORPIONS liegt nicht unbedingt ein seltenes Juwel vor (immerhin wurde er mehrfach unter unterschiedlichen Firmungen/Labels von X-Rated veröffentlicht) – dafür handelt es sich aber hier um einen lupenreinen Giallo, bei dem Regisseur MARTINO einmal mehr dem Grundsatz STYLE OVER SUBSTANCE frönt und sich als versierter Meister seines Fachs erweist.

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DER SCHWANZ DES SKORPIONS – LA CODA DELLO SCORPIONE (1971)

von SERGIO MARTINO

mit GEORGE HILTON, ANITA STRINDBERG, LUIGI PISTILLI und ALBERTO DE MENDOZA

Die Liebesnacht zwischen einer verheirateten Frau und ihrem jungen Geliebten endet, zumindest für den Zuschauer, mit einem lauten Knalleffekt, als das Flugzeug, mit dem ihr Mann auf Geschäftsreise zu einem Meeting in Tokio war, über den Wolken in einem riesigen Feuerball explodiert. Nachdem der jungen Witwe Lisa in Athen eine Versicherungspolice von 1 Million Dollar ausgezahlt wird, scheint ein Wettlauf um das Geld zu beginnen. Erpresser fordern ihren Anteil, eine Journalistin und ein Versicherungsdetektiv beschatten sie – 1 Million Gründe, die außerdem noch einen kaltblütigen Killer auf den Plan rufen, der Lisa kurz vor Abreise bestialisch tötet und das Geld an sich nimmt. Um die Polizei zu verwirren und lästige Mitwisser auszuschalten, geht das schwarz gekleidete Phantom auf die Jagd nach weiteren Opfern. Menschen werden kaltblütig ermordet, die Polizei ist ratlos und der maskierte Killer treibt weiter sein erbarmungsloses Unwesen.
Jeder verdächtigt jeden – doch die Wahrheit ist viel schlimmer!

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Bevor SERGIO MARTINO den Zuschauer auf die Reise zur WEISSEN GÖTTIN DER KANNIBALEN schickte und DIE INSEL DER NEUEN MONSTER entdeckte, inszenierte er eine ganze Reihe von Gialli – angefangen beim Klassiker DER KILLER VON WIEN über DIE FARBEN DER NACHT (beide mit der entzückenden EDWIGE FENECH in der Hauptrolle) bis hin zu TORSO – DIE SÄGE DES TEUFELS – Martino war in diesem Genre einer der fleißigsten und erfahrensten Filmemacher, der jedem seiner Werk seinen ganz besonderen Stempel aufdrückte. Auch der vorliegende DER SCHWANZ DES SKORPIONS erweist sich als inszenatorischer Leckerbissen mit einer Vielzahl stimmungsvoller Momente und einer exquisiten Kameraarbeit, die durch außergewöhnliche Einstellungen den kunstvollen Charakter dieses Werks anhebt.

Von London über Griechenland spannt DER SCHWANZ DES SKORPIONS seine Fäden und unterhält den Zuschauer mit einer auf dem ersten Blick weniger interessanten Handlung um einen Flugzeugabsturz, der sich schnell als Attentat für einen Versicherungsbetrug entpuppt. Und in der Tat: trotz vieler falscher Fährten, um vom wahren Killer geschickt abzulenken, besticht SERGIO MARTINOS Genre-Beitrag weniger durch eine ausgeklügelte Handlung. Anfangs noch etwas behäbig inszeniert und im weiteren Verlauf zu sehr auf die Liaison zwischen Versicherungsdetektiv und Journalistin fokussiert, entwickelt sich unter seiner Regie die Jagd nach der Beute dennoch spannend und wendungsreich. Gelegentliche Längen macht MARTINO mit den für dieses Genre so unverzichtbaren Stilmitteln wie dem maskierten Killer wieder wett, der mit den obligatorischen schwarzen Lederhandschuhen äußerst effektiv und brutal zur Sache geht. Die subjektiven Kamerafahrten mitsamt anderer raffinierter Einstellungen und der wunderbare Score von BRUNO NICOLAI machen DER SCHWANZ DES SKORPIONS, trotz der schwachen Story, zu einem Kleinod des italienischen Genrefilms.

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Darstellerisch weiß Italowestern-Star GEORGE HILTON zu überzeugen, der auch in MARTINOS DER KILLER VON WIEN und weiteren Gialli zu sehen war. ACHTUNG: SPOILER! Seine Wandlung vom noncholanten Liebhaber zum eiskalten Killer ist dabei eindrucksvoll gespielt und ein mehr als gelungener Plott-Twist! Hier gelang es SERGIO MARTINO, trotz der falschen Fährten und unzähliger Verdachtsmomente, eines der bekanntesten Versatzstücke des Genre (das des zu Unrecht Verdächtigten, der auf eigene Faust versucht seine Unschuld zu beweisen) auf den Kopf zu stellen und mit einer überraschenden Wendung die Lösung des Falles zu präsentieren. SPOILER ENDE!

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Die Morde sind einfallsreich und blutig in Szene gesetzt, die angewendeten, hausgemachten Effekte sind preisgünstig – verfehlen aber nicht ihre Wirkung. Vor allem die Szene, in der der Killer seinem Opfer mit einer Glasscherbe ins Auge sticht, kommt überraschend und drastisch zur Geltung. Handwerklich erweist sich DER SCHWANZ DES SKORPIONS in allen Belangen als grundsolides Werk, bei dem die künstlerische Umsetzung die Schwächen der Handlung auszubügeln versucht. Das gelingt aber nur bedingt – denn die Geschichte gibt einfach nicht so viel her. Angesiedelt in Griechenland, nutzt der Film nicht einmal das Giallo-untypische Setting für etwas Abwechslung, sondern konzentriert sich vielmehr auf nackte Haut und rohe Gewalt, wobei vor allem letzteres den Zuschauer bei Laune hält. Dramaturgisch ist die, in die Mordserie eingebettete Liebesgeschichte unverzichtbar um die Wirkung des finalen Twists zu verstärken – doch nimmt das romantische Gebalze zwischen GEORGE HILTON und ANITA STRINDBERG insgesamt einen zu hohen Stellenwert ein und bremst den Thrill des Films immer wieder etwas aus.

Insgesamt ein guter Film von SERGIO MARTINO – aber nicht sein bester! Im Rahmen einer Giallo-Edition jedoch ein unverzichtbarer Beitrag!

DVD Der Schwanz des Skorpions

Die Veröffentlichung von FilmArt punktet dafür mit einer liebevollen Ausstattung. Das Bonusmaterial ist bei diesem Titel sehr großzügig ausgefallen und auch das beiliegende, von ROCHUS WOLFF verfasste Booklet, ist sehr informativ und bietet (hier wurden Wünsche erhört!) Informationen zu Darstellern und Stab, inkl. Fotos der Schauspieler und ihrer deutschen Synchronsprecher. Der Film selbst liegt nämlich in zwei deutschen Fassungen vor – jeweils mit anderen Synchronstimmen: zum einen die Kino- und zum anderen die Videosynchronisation! Das Bild ist in beiden Fällen sehr gut und bietet einen ungetrübten Sehgenuss. Neben dem deutschen, englischen und italienischen Kinotrailer, gibt es den deutschen Vor- und Abspann, eine Bildergalerie sowie ein exklusives Featurette mit Regisseur SERGIO MARTINO zu bewundern, das auszugsweise im informativen Booklet abgedruckt ist. Insgesamt eine hochwertige Veröffentlichung im schönen Design, die den künstlerischen Ambitionen des Werks voll und ganz gerecht wird.

 

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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