Kritik: AUGE UM AUGE

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Der Irak-Kriegsveteran Rodney (CASEY AFFLECK) und sein Bruder Russell Baze (CHRISTIAN BALE) pflegen ihren bettlägerigen Vater, können aber kaum für ihren eigenen Lebensunterhalt aufkommen. Russell arbeitet im örtlichen Stahlwerk, um mit dem Geld heimlich die Schulden seines Bruders abzubezahlen und seiner Freundin Lena (ZOE SALDANA) ein gutes Leben zu ermöglichen. Als Russell alkoholisiert einen verheerenden Verkehrsunfall verursacht, bei dem ein kleines Kind zu Tode kommt, muss er ins Gefängnis. Nach abgesessener Haft hat sich die prekäre Lebenssituation der Brüder weiter verschlechtert: Ihr Vater ist inzwischen gestorben, Lena erwartet ein Kind von einem anderen Mann und Rodney hat sich wegen seiner Schulden bei dem zwielichtigen Buchmacher John Petty (WILLEM DAFOE) zu illegalen Straßenboxkämpfen nötigen lassen. Rodney drängt ihn dazu, ihm einen letzten Kampf in einem abgelegenen Dorf in den Appalachen zu verschaffen, bevor er sich – dem Rat seines Bruders folgend – eine legale Arbeit suchen möchte. John weigert sich anfangs, lässt sich schließlich aber doch von ihm überreden. Im Vorfeld des Kampfes wird Rodney von John mit dem drogensüchtigen und gewalttätigen Harlan DeGroat (WOODY HARRELSON) bekannt gemacht. Hierbei stellt sich heraus, dass John ebenfalls Schulden bei DeGroat hat und diese durch eine Manipulation des Kampfes aus der Welt schaffen möchte. Es wird vereinbart, dass Rodney den Kampf verlieren soll, was dieser, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, auch tut. Nach dem Kampf fordert DeGroat ungeachtet der eingehaltenen Vereinbarung Geld von John. Dieser weigert sich jedoch zu zahlen – weswegen er und Rodney von DeGroat erschossen werden.

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Die Tat kommt ans Licht, da John versehentlich mit seinem Mobiltelefon einen Freund angerufen und dessen Mailbox die Gespräche, sowie den Tod Johns aufgezeichnet hat. Aus Russells Sicht besteht noch Hoffnung seinen Bruder lebend zu finden, da auf der Mailbox lediglich der Schuss auf John zu hören ist. Der Polizist Barnes (FOREST WHITAKER), der jetzige Verlobte von Russells Ex-Freundin Lena, klärt ihn über den aktuellen Stand der Ermittlungen auf und muss ihm gegenüber zugeben, dass ihm aufgrund von unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen die Hände gebunden sind. Russell fühlt sich im Stich gelassen und begibt sich, gemeinsam mit seinem Onkel Red (SAM SHEPARD), auf die Suche nach seinem Bruder und die mutmaßlichen Täter.

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So ausführlich sich die Vorgeschichte liest, die lediglich das Drama einleitet, das sich im weiteren Verlauf der Handlung noch entwickeln wird, so viel Zeit (gemessen an der Länge des Films) nimmt sich Regisseur SCOTT COOPER, um die Geschichte seines zweiten Werks zu erzählen. Bereits mit seinem bemerkenswerten Erstling „Crazy Heart“ verhalf Amerikas neue Regie-Hoffnung SCOTT COOPER JEFF BRIDGES zu einem Oscar.
Mit „Auge um Auge“ schrieb und inszenierte er einen schonungslos authentischen und spannenden Thriller und beweist ein weiteres Mal sein Talent für emotional erzähltes Geschichtenkino. Eine Geschichte mitten aus dem Leben – ohne Effekthascherei und spekulative Sensationen. Keine vordergründigen Effekte, keine selbstzweckhafte Gewaltdarstellung – und doch in jeder Minute ungeheuer intensiv. Oscar-Preisträger Christinan Bale und Casey Affleck liefern als ungleiche Brüder, deren Schickale so eng miteinander verknüpft sind, dass das Stolpern des einen zum Fall des anderen führt, die besten schauspielerischen Leistungen ihrer Karrieren. Vor allem Bale beweist einmal mehr seine Vielseitigkeit – glänzte er sowohl als psychopathischer Karriere-Yuppie in „American Psycho“ als auch als gebrochener Superheld in der „The Dark Knight“-Trilogie. Und auch hier spielt er seine Rolle mit so viel Leidenschaft, Hingabe und Gefühl, dass es dem Zuschauer nahe geht. Und auch Woody Harrelson glänzt als sadistischer Kleinkrimineller und liefert eine beachtliche Performance ab.

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Regisseur Cooper verlässt sich voll und ganz auf die Entwicklung seiner Story und die sorgfältig gezeichneten Charaktere, legt dabei den Fokus vor allem auf sein glänzend aufspielendes Ensemble, das den kompletten Film trägt. „Auge um Auge“ – der Titel, und auch die Geschichte selbst, suggerieren dem Zuschauer ein knallhartes Rache-Drama. Doch davon ist der Film weit entfernt.
„Auge um Auge“ ist ein Drama durch und durch – und es geht auch um Rache. Doch steht dieses Motiv nicht komplett im Vordergrund des Films, genauso wenig wie eine Auseinandersetzung mit der Thematik erfolgt. Vielmehr setzt sich der Film mit dem Drama seines Hauptcharakters Russell auseinander, der nicht nur mit dem Tod von Vater und Bruder fertig zu werden versucht, sondern noch lange nicht mit seinen inneren Dämonen abgeschlossen hat. Obwohl er für den Unfalltod des Kindes gebüßt hat, nagen die Ereignisse jener Nacht und der daraus resultierende Verlust seiner über alles geliebten Freundin, noch immer an ihm. Und weil er nichts mehr zu verlieren und sich damit abgefunden hat, seine Freundin niemals wieder zurückgewinnen zu können, entschließt sich der bodenständige und realistische Russell, seinen Bruder zu rächen und das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Ob er letzten Endes den Mörder seines Bruders richten wird, ist die essentielle Frage, die auch den größten Spannungsfaktor dieses Dramas ausmacht.

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„Auge um Auge“ ist ein ruhiger Film mit einem unaufdringlichen Score und einer ruhigen Kamera. Die Inszenierung ist makellos, die Charaktere ausgezeichnet skizziert. Und vor allem diese Ruhe ist es, die dem fast zweistündigen Film, trotz seiner beachtlichen Darsteller, fast das Genick bricht.

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„Auge um Auge“ ist ein Ensemble-Film und Regisseur Cooper weiß es, seine Darsteller zu führen und Höchstleistungen aus ihnen herauszuholen. Doch mangelt es dem Film auch eindeutig an Bewegung. Die Geschichte ist mit solch einer Ruhe und Gelassenheit inszeniert, dass die eigentliche Handlung erst nach knapp einer Stunde einsetzt. Cooper baut Stein auf Stein, bis das Handlungsgerüst komplett steht und somit den Startschuss für eine Weiterentwicklung der Erzählung geben könnte. Russell will seinen Bruder zu rächen – Cooper hingegen bleibt seinem Erzählstil aber treu und setzt weiterhin auf die dramatischen Aspekte seiner Geschichte. War der ruhige, sehr lange Prolog notwendig, so wäre spätestens ab Mitte des Films ein entscheidener Richtungswechsel nötig gewesen. So zieht sich der Film eine weitere Stunde, verzichtet auf ein psychologisches Duell zwischen Russell und DeGroat und schleppt sich langatmig bis hin zum Finale. Das mag auf der einen Seite darstellerisch über jeden Zweifel erhaben sein – für knapp zwei Stunden und angesichts dessen, was man aus der Geschichte hätte machen können, ist das einfach zu wenig.

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„Auge um Auge“ ist kein schlechter Film, aber auch kein Meilenstein. Glaubwürdige Figuren, ausgezeichnet gespielt und ein authentisches Szenario – aber aüßerst träge in seiner Erzählweise. Knapp über dem Durchschnitt – 6/10

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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