Kritik: 24/7 – THE PASSION OF LIFE
24/7 – Die Abkürzung steht im Bereich BDSM für eine besondere Art des Zusammenlebens, der sozialen und sexuellen Beziehung und Lebensgemeinschaft: Dabei vertraut sich ein Partner (der submissive Teil – Sub oder Bottom) seinem dominanten Partner (Dom oder Top) vollständig, also 24/7, an und begibt sich auch im alltäglichen Leben ganz oder überwiegend in dessen Verantwortung. Diese Form des Zusammenlebens ist eine Form gelebten BDSM, teilweise auf Lebenszeit, und kann, muss aber nicht, andere Partnerschaften nebenher ausschließen. Teilweise ist es auch nur dem dominanten Teil erlaubt, andere Partner zu haben, oder es sind bestimmte Grenzen und Spielarten solcher Nebenpartnerschaften festgelegt. Immer beruht diese Lebensweise aber – wie grundsätzlich im BDSM-Bereich – auf gegenseitigem Einvernehmen aus freier Entscheidung beider Partner.Mit dieser einleitenden, kurzen Erklärung ist dann auch beantwortet, welchem Thema sich ROLAND REBER in 24/7 – THE PASSION OF LIFE verschrieben hat:
Eva (MARINA ANNA EICH), Hoteliers-Tochter aus reichem Haus mit Aussicht auf Übernahme eines sehr guten Hotels, ist unzufrieden mit ihrem Sexualleben. Ihre Verehrer scheinen sich nur für das Hotel zu interessieren – nicht für ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte. Ihr konservativer Vater ist unzufrieden damit, dass sie keinen Stammhalter zeugt, ja nicht einmal eine feste Partnerschaft hat. Während einer Autofahrt begegnet sie zufällig bei einer Motorradpanne der Soziologin Magdalena (MIRA GITTNER), die als Domina „Lady Maria“ in einem SM-Studio arbeitet. Fasziniert von der bizarren Welt der Lady Maria, feststellend, dass es in ihrer heilen Welt alles gibt außer Lust und Leidenschaft, begibt sich Eva auf die Suche nach ihrer Sexualität, ihrer ureigensten Identität, und beginnt eine Odyssee durch die verborgenen Orte der Lust – Orte, von denen alle so tun, als ob sie nicht existieren und die es doch überall gibt: SM-Studios, Swingerclubs, Stripteasebars.
Eva betritt eine für sie neue Welt. Sie ist erstaunt, wie fantasievoll Sexualität sein kann. Sie begegnet der „Gummisau“ und Elfriede, einem 80-jährigen in Zofenkleidung, der sich rührend um das wohl seiner Lady kümmert.
Beeindruckt entdeckt Eva mehr und mehr ihre eigenen Gelüste. Auf Anraten von Magdalena besucht sie einen Swingerclub, begegnet Mike, der ihr Reiseführer der Lust sein möchte, sich aber in Eva verliebt, was für böse Komplikationen sorgt. Sie begegnet „Jesus“ der seine Leiden in Marias Studio inszeniert und den Zuschauer in einen Konflikt zwischen Lust, Liebe und Spiritualität entführt.
Lady Maria setzt das Geschehen im Domina-Studio in Beziehung zur Religion – Anbetung, Beichte, Strafe als Akt der Vergebung – ebenso wie zu emotionalen Momenten wie Trösten, Geborgensein und Aussprechen. In einer scheinbar bizarren Welt entsteht eine Wärme für den Menschen mit seinen dunklen Seiten…

Das Erotikdrama 24/7 – THE PASSION OF LIFE, ein ambitionierter Kunstfilm, ist ein weiterer Beitrag des Independent-Filmlabels WTP International, das ohne Filmförderungen produziert und distributiert. Der Film ist, trotz des Handlungsorts, weniger ein Film über BDSM als über das Ausleben alternativer Lebensvorstellungen. SM-Studio, Swingerclub und Stripteasebar wurden nicht in Filmstudios nachgestellt, sondern die betreffenden Filmszenen wurden an Originalschauplätzen gedreht – jeweils mit tatsächlich dort beteiligten SMern, Swingern und Stripperinnen in den entsprechenden „Nebenrollen“ besetzt – was dem Film, wie vielen anderen Werken REBERs auch, einen ungeheuren intensiven und authentischen Charakter verleiht.
„24/7“ dürfte auch der erste deutsche Spielfilm sein, der sich die Mühe macht, SM so zu zeigen, wie es ist. Es ist ein Film über den Umgang der Gesellschaft mit Sexualität an sich. Ein Film über Religion, Moral und Doppelmoral. Eine Studie über Obsessionen, Einsamkeit und geheime Lust.

Wer sich auf die ruhige Inszenierung einlassen und sich mit der Thematik anfreunden kann, erlebt mit „24/7“ einen künstlerisch und inszenatorisch hochwertigen Film mit viel Einfalls- und Detailreichtum, außergewöhnlichen Figuren mit Fetischen jenseits gängiger Moralvorstellungen, mit Dialogen, die die Phantasie anregen und Darstellern, die in ihren Rollen überzeugen. Vor allem Schauspielerin MIRA GITTNER als Lady Maria ragt wie ein Leuchtturm aus den gezeigten schauspielerischen Leistungen heraus.
„24/7“ ist mehr ein Kopf-Film, der zum Nachdenken anregt. Trotz der Thematik und des Settings darf man hier keinen Porno oder einen voyeuristischen Blick vor und hinter die Kulissen der BDSM-Szene erwarten. Es gibt hier und da auch eine nackte, durchaus attraktive Frau zu sehen, aber nie in einem, im „klassischen“ Sinn, anregenden Kontext. Das ist auch gar nicht die Intention der Macher des Films. Vielmehr ist der Streifen ein tiefer Einblick in die Sexualität des Menschen an sich.
REBERS kontroverses Werk ist kein Film für jedermann, sondern vielmehr eine cineastische Mutprobe für Freunde des Nischen-Kinos und Liebhaber sperriger Filme, die nicht dem Mainstream entsprechen – sondern die unbequeme Themen so anpacken und zeigen, wie sie sind: nicht als gelackte Hochglanz-Arie, sondern ungeschönt, realistisch und ohne sich an Konventionen halten zu müssen.
„24/7“ ist eine unabhängige Produktion, die bewegt. Manche werden den Kopf schütteln, manche werden sich ärgern, vielleicht sich sogar verletzt fühlen – doch viele können sich wiederfinden, metaphorisch oder höchst real.
Zusammenfassend ist die Produktion ein künstlerisch feiner Film, der sich mutig mit einem bisher wenig beachteten Thema auseinandersetzt. Als sehr angenehm und zum Film passend, empfand ich den Soundtrack für den WOLFGANG EDELMAYER verantwortlich zeichnet.

 

About

Jahrgang 1975, dreifacher Familienvater und leidenschaftlicher, aber nicht exzessiver Filmsammler. Ich habe ein ganz besonderes Faible für die 60er, 70er und 80er Jahre, für das deutsche und italienische Genrekino mit all seinen Facetten. Ob Edgar Wallace, Karl May oder TV-Klassiker wie DERRICK, DER ALTE oder TATORT - das sind die Titel, mit denen ich groß geworden bin. Mit Komikern wie LOUIS DE FUNES und HEINZ ERHARDT, mit SEAN CONNERY und ROGER MOORE als JAMES BOND, mit BLACKY FUCHSBERGER als Inspector Higgins, JOHN WAYNE als Westernheld und CHRISTOPHER LEE als DRACULA. Meine bevorzugten Genres sind Horror, Thriller und Old School-Action - im speziellen bin ich ein Freund von Slasher und Splatter-Machwerken, Zombiefilmen, Gialli und Polizieschi. Ich liebe den Psychothriller genauso wie den Polit- und Verschwörungsthriller, ich mag Tier-Horror fast jeder Art und die Mitternachtsfilme, mit denen mir RTL und SAT.1 am Wochenende die Jugend versüßten. Ich sage nur: LASS JUCKEN, KUMPEL. Science-Fiction und Fantasyfilme sind weniger mein Genre, ich mag auch nicht die modernen Big Budget-Blockmuster, die mit CGI und famoser Tricktechnik vollgestopft sind. Nett anzuschauen, aber seelenlos. Ich bin eher der Freund von Trash- und B-Movies und melde mich auch nur bei den Genres zu Wort, von denen ich Ahnung habe. Meine Lieblingsfilme sind u.a. WOODOO - SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, TENEBRE und AUF DER FLUCHT. Das sind nur drei Beispiele - alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. In meine Sammlung kommen nur solche Titel, die einen nostalgischen Wert für mich haben und Filme, die ich mir immer wieder anschauen würde. Langeweile und filmische Eintagsfliegen, die zu schauen einmal ausreicht, werden gleich entsorgt. Als "Prinzessin Balduin" und "Trash-Luder Balduin" bin ich Herrin über TITTEN, TRASH und TERROR!

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